Unser Bildungssystem, ein Mythos und ein Fachkräftemangel. Ein unterhaltsamer Blick auf „Grundbegabungen“

Unser Bildungssystem, ein Mythos und ein Fachkräftemangel. Ein unterhaltsamer Blick auf „Grundbegabungen“<br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/verweis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2014/08/meinung_120.png"/>

Ihm Rahmen meines neuen Buches „Bildungsfragen in Zeiten der KI„, welches von der Personal-Netz e.V. herausgegeben wird, halte ich ab und zu auch Vorträge zur Entwicklung des Bildungssystems. Also eine Art kleine Zeitreise durch die Bildung. Dabei habe ich immer eine Folie, die auf einen Mythos von drei Grundbegabungen hinweist, die unser Bildungssystem begründen. Es geht heute um diesen Mythos. Der hört sich erstmal ziemlich seltsam an, aber gut, schauen wir uns einmal an, welche Grundbegabungen das sein sollten. Spuren von Ironie sind hier nicht ausgeschlossen. Wir hätten da:

  • Die theoretische Begabung
    (für das Gymnasium und folgend für sogenannte höhere Berufe)
  • Die theoretisch praktische Begabung
    (für die Realschule und folgend für sogenannte mittlere Dienste)
  • Die praktische Begabung
    (für die Volks/Hauptschule und folgend für die Beruflichkeit, vormals Arbeiterschaft)

Ich denke mal, das ist natürlich alles erfunden und da stimmt nix! Denn das wäre ja gar nicht wissenschaftlich haltbar. Völliger Quatsch. Wie sollte das auch sein: Nur drei Arten von Begabungen haben Menschen. Wer kommt denn auf solche Ideen. Das wäre ja mindestens so kritisch wie die Unwissenschaftlichkeit von Waldorfschulen, die denen nachgesagt wird. Alles eine seltsame Sache.

Die Akademie von Platon

Dennoch – Platon hat bereits vor 2.500 Jahren in diese Richtung argumentiert. Er hat damals die erste dauerhafte Institution für höhere Bildung und Forschung gegründet. Die Akademie. Es ging dabei um die Bildung eines bestimmten Menschentyps, der eine „wahre Ordnung“ der Welt erkennen sollte und die Gesellschaft durch soziale sowie politische Ordnungen stabilisiert und steuert. Platons Seelenlehre bildete mit dieser philosophischen Grundlage das Fundament für die Dreiteilung menschlicher Begabungen. In seinem Werk „Politeia“ unterscheidet er drei Seelenteile, denen er spezifische Tugenden und gesellschaftliche Stände zuordnet: Den Seelenteil, die Tugend und den gesellschaftlichen Stand sowie seine Aufgabe. Die Zuordnungen benannte er:

  • Vernunft
    (Weisheit, Herrscher und Philosophenkönige)
  • Mut
    (Tapferkeit, Wächter und Krieger)
  • Begehren
    (Mäßigung, Nährstand, Handwerker & Bauern)

Dieser philosophische Blick erklärte eine Vorstellung, dass Menschen von Natur aus unterschiedliche Anlagen besitzen, die sie für bestimmte gesellschaftliche Rollen prädestinieren. Höhere Bildung scheint da kein Allgemeingut, sondern eher ein Impuls einer Elite. Also ja, es sind keine Begabungen, aber er teilte das schon deutlich ein, das mit der Zuweisung bestimmter Aufgaben in der Gesellschaft.

Pestalozzi und sein pädagogisches Konzept

Reisen wir in die Jahre um 1804. Johann Heinrich Pestalozzi beschrieb Bildungsfragen pädagogisch und Bildung bedeutete für Ihn keine reine Wissensvermittlung. Er entwickelte ein pädagogisches Konzept, welches heute als Kopf, Herz und Hand bekannt ist. Er forderte eine ganzheitliche Bildung, die alle drei Dimensionen gleichberechtigt entwickelt:

  • Kopf
    (die geistige Kraft bezieht sich auf die intellektuelle Bildung, das Denken und die Urteilskraft)
  • Herz
    (die sittliche Kraft steht für die emotionale und moralische Bildung, die Herzensbildung und soziale Kompetenz)
  • Hand
    (die physische Kraft umfasst die handwerkliche, praktische und körperliche Ausbildung)

Obwohl Pestalozzi mit dem Blick auf die Einheit dieser Kräfte das Konzept beschrieb, wurde seine Formel später oft zur Rechtfertigung einer Trennung von Bildungswegen herangezogen. Gut, ich sage es mal so. Irgendwie findet sich diese Trennung ja nun doch, wenn man sich das genau anschaut.

Aber nein. Wir reden von einem Mythos, also von einer überlieferten Erzählung, die mit symbolischen Figuren und Ereignissen erklärt, wie Menschen die Welt, ihre Herkunft oder grundlegende Lebensfragen verstehen. Wir reden jetzt einmal von Zeiten, als die Industrialisierung intensiv anzog und damit Schul- und Arbeitszugänge immer relevanter wurden und bei der Schule auch unter staatlicher Aufsicht lagen.

Die Einteilung durch Kerschensteiner und Stern

Im Jahre 1905 formulierte Georg Kerschensteiner ein Konzept im Kontext seiner Begabungsarbeiten. William Stern griff den Zusammenhang 1910 in einem Vortrag mit dem Titel „Das Problem der kindlichen Begabung“ auf. Und da sind sie irgendwie wieder:

  • Die theoretische Begabung
    (Fähigkeit zum Denken, Erkennen, Verstehen und Abstrahieren)
  • Die Darstellungsgabe
    (Fähigkeit, Gedanken und Eindrücke sprachlich, zeichnerisch oder gestalterisch auszudrücken – Theoretisch Praktisch)
  • Die praktische Begabung
    (Geschick im Handeln, Herstellen und Lösen konkreter Aufgaben)

Ist es zu fassen? Kerschensteiner betonte die Bedeutung der praktischen Begabung und begründete die Arbeitsschule. Er sah in der handwerklichen Tätigkeit einen eigenständigen Bildungswert, was zur systematischen Förderung der Berufsbildung führte, aber auch die Trennung von Kopfarbeit und Handarbeit verfestigte. Und Stern, ein Pionier der Differenziellen Psychologie, lieferte die diagnostischen Werkzeuge (unter anderem den Intelligenzquotienten IQ). In der bildungspolitischen Debatte der 1920er Jahre wurde seine Forschung genutzt, um die drei Begabungstypen zu definieren um sie zur Schul- und Berufsbildungspolitischen Anwendung heranzuziehen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde also die Dreiteilung zur Legitimierung des gegliederten Schulsystems instrumentalisiert.

Die Sache ist wirklich spannend und offen gestanden habe ich den Zusammenhang schon in früherer Zeit einmal zusammengefasst, nur nicht in dieser Ausprägung. Na gut, wir sind mittlerweile im Jahre 2026. Sowas gibt es ja mittlerweile nicht mehr. Bei all den Erkenntnissen, beispielsweise aus der Entwicklungpsychologie oder auch bildungswissenschaftlichen Themenfeldern.

Die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit

Wobei, als ich für einen Vortrag auf der Leipziger Buchmesse zu meinem Buch „Bildungsfragen in Zeiten der KI“ recherchierte und meine Folien vorbereitete, da stieß mich eine KI auf einen Sachverhalt, der mir relativ unbekannt war. Klar, von einem Fachkräftemangel habe ich schon gehört und auch davon, dass dieser beobachtet wird. Die Bundesagentur für Arbeit stellt die Daten und Erkenntnisse seit 2020 in einer Fachkräfteengpassanalyse der Öffentlichkeit zur Verfügung [1]. Enthalten sind Heatmaps und verschiedene tabellarische Darstellungen, die einen Blick auf den Zustand der Engpässe erlauben. Ich kam nicht ganz klar mit den Daten, da diese in drei Segmente unterteilt sind. Glücklicherweise liefert die BA auch ein Dokument mit dem methodischen Vorgehen mit. Und da verschlug es mir wirklich den Atem. In dem Dokument der Bundesagentur für Arbeit [2], welches wirklich sehr umfangreich und voll mit Formeln und Berechnungen ist, findet sich unter dem Punkt 7 eine Tabelle über eine Anzahl von Berufsgattungen, die in Fachkräfte, Spezialisten und Experten unterteilt. In Punkt 8 finden sich diese in Form von Anforderungsprofilen wieder. Die Profile selbst werden in dem Papier aber nicht definiert.

An anderer Stelle [3] findet sich ein weiterer Hinweis: „Für die Engpassanalyse im Jahr 2024 wurden die Indikatoren gemäß Abbildung 1 für 1.236 Berufsgattungen differenziert nach den drei berufsfachlichen Anforderungsniveaus (Fachkräfte, Spezialist/-innen und Expert/-innen) berechnet“. Irgendwie meine ich mich zu erinnern, dass ich schon einmal davon gehört habe und bei weiterer Suche kam ich auf eine Webseite von destatis [4].

Und richtig. 2010 ging es um Berufsklassifikationen. Hier wird es dann genauer. In dem Beitrag werden vier Anforderungsniveaus in einer Tabelle genannt:

Helfertätigkeiten
Fachkrafttätigkeiten
Spezialistentätigkeiten
Expertentätigkeiten

Und weiter: „Das Anforderungsniveau bildet die Komplexität der auszuübenden Tätigkeit ab und wird in bis zu vier Komplexitätsgraden erfasst. Eine Besonderheit innerhalb der berufsfachlichen Gliederung der Berufsuntergruppen (4-Steller) besteht darin, dass Aufsichts- und Führungskräfte von Fachkräften abgrenzt werden können. Mithilfe der „9“ an der vierten Stelle des numerischen Schlüssels der Klassifikation der Berufe 2010 lassen sich Aufsichts- und Führungskräfte künftig eindeutig identifizieren“.

Hier brauchte ich einen Moment Pause. Es gibt einen Schlüssel, mit welchem sich Aufsichts- und Führungskräfte identifizieren lassen? Aus einer Berufsklassifikation heraus? Ich lasse das hier unkommentiert stehen und muss mich da näher einarbeiten, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass man das anders sehen kann.

Schauen wir auf die Webseite des Bundesinstitutes für Berufliche Bildung (BiBB), finden wir eine Seite [5], in welcher nun praktische Erläuterungen folgen: „Komplementär zum Qualifikationsniveau beschreibt nach der Klassifikation der Berufe (2010) das Anforderungsniveau den Komplexitätsgrad der ausgeübten fachlichen Tätigkeit“. Dabei wird ebenfalls zwischen vier Niveaustufen differenziert:

In Helferberufen fallen Tätigkeiten an, für deren Ausübung üblicherweise kein beruflicher Abschluss benötigt wird, während Fachkrafttätigkeiten dem Niveau einer beruflichen Ausbildung entsprechen. Die Fähigkeit zur Ausübung von Spezialistentätigkeiten kann über eine Aufstiegsfortbildung oder einen Bachelorabschluss erworben werden und Expertentätigkeiten setzen üblicherweise einen Masterabschluss voraus.

Alles ein Mythos

In den Fachkräfteengpassanalysen werden nun offenkundig die Helfertätigkeiten weggelassen, denn die haben ja mit den anderen Kategorien nichts zu tun. Das ist ja alles unqualifiziert oder ist das gar bildungsfern? (Ironie). Berücksichtigt werden nur diese drei:

  • Experten
    (haben üblicherweise einen Masterabschluss)
  • Spezialisten
    (haben einen Abschluss aus der formalen Aufstiegsfortbildung oder Bachelorabschluss)
  • Fachkräfte
    (haben eine berufliche Ausbildung abgeschlossen)

Kurzum, der theoretische, theoretisch praktische und der praktische Ansatz. Was heißt das? Ein absolut produktiver Mensch mit viel Erfahrung und Wissen wird, wenn er keinen Abschluss hat, hier gar nicht berücksichtigt. Andererseits, hat er einen Abschluss und ist produktiv und leistungsfähig über viele Jahre, so wird er nie ein Spezialist oder Experte sein. Und ein Experte, der 5 Jahre studiert hat – direkt nach der Schule, der genießt vom Stand weg Ansehen und Status, den die Fachkraft so nicht erreichen kann. Hinzuzufügen ist nun, zu den Formulierungen der Antike, der Aufklärung und der Moderne, die der Gegenwart mit einer Begründung der Komplexität von Berufen. Natürlich sind das keine Begabungen, sondern Zuweisungen, nachdem ein Mensch einen Bildungsgang (oder auch keinen) absolviert hat. Aber da ein Abschluss von einem Zugang zu dem System für den Abschluss abhängig ist und dieser eben den Grundbegabungen der früheren Zeit zugeordnet wird, so gehört diese Einteilung doch zur Sache. Daher zur Ansicht meine neue, ergänzte Folie, die sich in meinen Vorträgen findet (Klicken für volle Auflösung).

Fazit

Als ich bei einem meiner letzten Vorträge das Publikum fragte, wer die Fachkräfteengpassanalyse kennt, hoben 2 Personen von 50 die Hand. Und beide arbeiten in der Forschung. Ich denke, das spricht für sich. Das die Anforderungsprofile an Komplexitäten festgemacht werden bedeutet dann auch, dass offenbar nur jemand mit entsprechendem Beruf gut mit Komplexität in den jeweiligen Stufen umgehen kann. Und das wage ich zu bezweifeln, ganz besonders in Zeiten der KI.

Ich weiß nicht warum mir das abschließend einfällt, aber der französische Philosoph Louis Althusser formulierte:
„[…] dass Schule ein ideologischer Staatsapparat sei, der die bestehenden Verhältnisse reproduziert, indem er die Menschen so formt, dass sie freiwillig mit der herrschenden Ordnung einverstanden sind.“

Quellen:

[1] https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Navigation/Footer/Top-Produkte/Fachkraefteengpassanalyse-Nav.html
[2] https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Grundlagen/Methodik-Qualitaet/Methodenberichte/Uebergreifend/Generische-Publikationen/Methodenbericht-Engpassanalyse-Methodische-Weiterentwicklung.pdf?__blob=publicationFile
[3] https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Grundlagen/Lernmaterialien/Generische-Publikationen/Statistik-macht-Schule-Blatt-8.pdf?__blob=publicationFile&v=6
[4] https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2011/03/berufe-2010-032011.pdf?__blob=publicationFile
[5] https://www.bibb.de/dokumente/pdf/BMAS-QK-Dossier_3.a._Dienst-u_Hilfeleistungen.pdf

Bilder von Platon, Pestalozzi, Kerschensteiner und Stern: Gemeinfrei und Creative Commons

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