Wieso führt die ganze Kritik am Bildungssystem nicht zu einer Veränderung?

Wieso führt die ganze Kritik am Bildungssystem nicht zu einer Veränderung?

Heute wird an dieser Stelle das Script meines Videos veröffentlicht. Falls Sie sich das Video über knapp 10 Minuten nicht ansehen möchten, können Sie den Inhalt hier wie gewohnt nachlesen. Ich erstelle meine Videos immer sporadisch, wenn etwas anliegt. Und die längeren werden auch als Shorts punktuell auf Tik Tok und hier auf YouTube veröffentlicht. Beide Kanäle heißen Bildung und Kommunikation.

Wieso ändert sich nichts am Bildungssystem, obwohl es so viel und auch so fundiert kritisiert wird? Vielleicht reicht es gar nicht, sich mit Methoden und Inhalten auseinanderzusetzen? Welche Rolle spielt Macht in den Fragen der Bildung? Dieses Video ist in einen globaleren Kontext gesetzt. Es geht um das System und seine Struktur – es geht hier nicht um einzelne Aspekte und es geht auch auf keinen Fall um die Bewertung von Menschen.

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Also, heute gibt es ein längeres Video zum Bildungssystem und den vielen Kritiken daran. Wieso führt eigentlich die ganze Kritik am Bildungssystem nicht zu einer realen Veränderung? Wenn ich mir die ganzen LinkedIn Beiträge anschaue, sind die Kritiken fachlich ausgesprochen, es gibt viele Meinungen und mit dabei sind auch das System verteidigende Perspektiven. Wenige, aber die gibt es.


Bildungssysteme werden, unter anderem, in Gesellschaften benötigt, um Gesellschaft zu organisieren. Die Frage ist, wer definiert, wie Gesellschaft aussehen soll. In all den Kritiken über das Bildungssystem ist viel verpackt, wie man es inhaltlich und strukturell machen müsse, damit es besser würde. Dabei wird in meinen Augen vernachlässigt, dass es nicht nur um Inhalte und Methoden geht, sondern vorrangig darum, dass Bildung die Macht der herrschenden Schicht sichern soll bzw. sichert. Das hört sich negativ an und das kann man sicher auch so sehen. Herrschaft tut alles, um das System wie es ist zu erhalten. Ausgerichtet an Fleiß, Disziplin und Aushaltevermögen werden Methoden und Lerninhalte vorgegeben. Die Note ist am Ende eine Messgröße, inwieweit man die Anforderungen erfüllt hat. Dabei ist das keine objektive Messung, da viele Faktoren einfließen, die subjektive Einflüsse oder auch bestimmte Einflüsse beinhalten, die Noten mit steuern können. Zum Beispiel die Bewertung eines unterschiedlichen Verhaltens von Mädchen und Jungen in gleichen Situationen oder auch, ob bestimmte Wege zu Ergebnissen eingehalten wurden – ganz egal ob das Ergebnis richtig ist oder nicht.

Der Zugang zu formaler Bildung und zu finanziellen Ressourcen entscheidet über den Zugang zu Macht. Wer die Anforderungen des Systems bedienen kann und konform ist, bekommt darin einen besonderen Platz – möglicherweise auch deshalb müssen hochrangige Politiker nicht zwingend fachlich kompetent für ihre Arbeit sein. Im Kern geht es aber vornehmlich nicht um inhaltliche Bildung oder individuelle Entwicklung von Menschen, sondern um eine Formung und Einbettung von Menschen in die Gesellschaft. Und das eben anhand bestimmter Vorstellungen eben derer, die entscheiden, wie die Gesellschaft aussehen soll oder wo der größt mögliche Konsens liegt.

Begriffe wie Ausgrenzung, Auslese oder Ideologiereproduktion benennen Aufgaben des Bildungssystems. (Einschub: Notenverteilungen sollten daher auf einer Kurve liegen, die aussieht wie die einer Glockenkurve, damit eben nach Noten selektiert werden kann. Bei Prüfungen entscheidet vor allem die Aufgabenschwierigkeit über die Form der Verteilung, und eine Schulklasse ist durch das gegliederte System ohnehin schon vorselektiert. Was hier tatsächlich wirkt, ist die soziale Bezugsnorm in der Notengebung: Bewertet wird nicht allein, ob jemand den Stoff beherrscht, sondern relativ zur Gruppe. Sind durchweg alle Schülerinnen und Schüler gut, fehlt dem System die Trennschärfe, die es für seine Selektionsfunktion braucht – und das wird dann eher als Problem der Lehrkraft gedeutet, nicht als möglicher Erfolg guten Unterrichts. Es wird also nicht Leistung gemessen, sondern Streuung erzwungen, damit selektiert werden kann (Einschub Ende).

Und genau hier zeigt sich, warum Zertifikatsorientierung und Kompetenzorientierung mehr sind als irgendwie einfach zwei pädagogische Stile. Zertifikatsorientierung ist strukturell asynchron: Es gibt oben und unten, Bewertende und Bewertete, und die Macht bleibt einseitig bei denen, die die Anforderungen setzen. Kompetenzorientierung dagegen ist synchron: Lehrende und Lernende begegnen sich in einem gemeinsamen Prozess, Macht wird geteilt und verhandelt. Genau das übersehen viele Kritiker, wenn sie nur über Inhalte und Methoden sprechen: Solange eine Reform innerhalb der asynchronen, zertifikatsorientierten Logik bleibt, verändert sie die Machtverteilung nicht – sie verschiebt nur die Inhalte innerhalb desselben Herrschaftsrahmens. Aus diesem Grunde drehen sich die Kritiker im Kreis, wenn sie inhaltliche Veränderungen fordern und fördern. Zumindest in meinen Augen. Sie werden das nur in einem Rahmen hinbekommen, der die Machtstruktur nicht verschiebt. Und nun kommt Ki und auch hier geht es darum, wie diese inhaltlich genutzt werden kann. Selbstverständlich bin ich auch dafür, aber es ändert nichts an der Sache. Hier ein Hinweis auf mein Buch „Bildungsfragen in Zeiten der KI“.

Das, was KI eigentlich tut, ist Machtstruktur sichtbar zu machen und infrage zu stellen bzw. aufzubrechen. Konkret heißt das: KI kann faktisch jede Prüfungsaufgabe im Bildungssystem lösen, weil Prüfungen auf vorhandenem, trainierbarem Wissen beruhen. Damit werden Prüfungen entwertet und die Zertifikate, die aus ihnen hervorgehen, treffen keine verlässliche Aussage mehr über eine Person (nebenbei gesagt – das taten sie nie). Genau dieses eigentliche Herrschaftsinstrument des Systems – das Zertifikat als Nachweis von Auslese – verliert damit seine Grundlage. Der Psychloge und Hirnforscher Peter Kruse hat (als Systempabst) schon 2010 vor einer Enquete-Kommission der Bundesregierung erklärt, dass hochvernetzte Systeme dazu neigen, Macht vom Anbieter zum Nachfrager zu verschieben. Übertragen auf Bildung heißt das: Nicht mehr die Institution, die Wissen verwaltet und zertifiziert, sitzt an der Quelle der Macht, sondern zunehmend diejenigen, die lernen wollen und sich das Wissen selbst holen können. Und zwar jegliches Wissen (Quellenlink unten).

Alles andere und alle andere Kritik am Bildungssystem und an Bildungssystemen in sehr vielen Ländern der Welt, hat bereits seit 2.500 Jahren Bestand. Stichwort Kompetenz- und Ressourcenorientierung vs. Ausgrenzung und Selektion über Anforderungen, Defizit- und Zertifikatsorientierung. Deswegen wird es nicht reichen, Sachaussagen und Analysen zu machen.

Das ist keine Übertreibung: Wir können ein sogenanntes Drei-Begabungsmodell beschreiben, welches unser gegliedertes Schulsystem prägt. Es geht in seiner philosophischen Grundlage auf Platon zurück, wurde von Pestalozzi pädagogisch ausformuliert und im 19. und frühen 20. Jahrhundert von Kerschensteiner und Stern schulpolitisch verankert. Die Auslese nach vermeintlicher Begabung ist also kein modernes Ärgernis, sondern lässt sich als sehr altes Organisationsprinzip bezeichnen. Es findet sich sogar in der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit wieder. Jetzt, im Jahre 2026 (Quellenlink unten). Man kann das an den Institutionen selbst beobachten: Sie bröckeln bislang nicht wirklich, aber die Verfahrenslogiken, mit denen sie arbeiten, werden öffentlich infrage gestellt – lauter und schneller, als es die Systeme bisher gewohnt waren.

Was wäre aber nun der Punkt echter struktureller Veränderung?

Der liegt da, wo sich die Macht entweder zwangsweise verschiebt oder diese eben auch gewährt wird. Zwangsweise verschoben wird sie, wenn eine Institution ihre Verfahrenslogik – ihr Zertifikat, ihre Prüfung – nicht mehr glaubwürdig aufrechterhalten kann. Gewährt wird sie, wenn die Herrschenden selbst erkennen, dass sich der Rahmen ändern muss, damit sie selbst relevant bleiben. Und genau hier kommen wir wieder an den Anfang dieses Videos. Die Frage wäre also, wie wir das Bildungssystem inhaltlich verändern, sodass den Mächtigen ihre Macht erhalten werden kann und sich gleichzeitig die Lage für die Lernenden spürbar bessert…

Ich glaube, dass diese Frage in sich ein Widerspruch ist und ich nehme an, dass sich daher strukturell nicht viel ändert. Bis eine Partei oder Gruppe kommt, die an einer Veränderung der Bildungsfrage mit einer anderen Ideologie, als sie heute präsent ist, arbeitet, hiermit einen Vorteil erlangt, der gefühlt oder real von der Gesellschaft akzeptiert oder als solcher gesehen wird und dadurch mächtiger wird. Also genau damit eine Machtverschiebung von den etablierten Systemen verursacht.

Ob es damit besser wird, ist eine ganz andere Frage. Und eine, die ich nicht beantworten kann.

Quellen und Infos:

Prof. Peter Kruse´s Erläuterungen in der Enquete-Kommision 2010
Beitrag zu den Grundbegabungen 
https://bildungswissenschaftler.de
https://mensch-und-betrieb.de

Sie können meine Bücher kostenfrei als pdf Datei für den privaten Gebrauch herunterladen

©2026 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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