Rückgang der dualen Berufsausbildung in Deutschland – Strukturelle Probleme in modernen Zeiten und ein Kompetenzgap

Rückgang der dualen Berufsausbildung in Deutschland – Strukturelle Probleme in modernen Zeiten und ein Kompetenzgap<br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2014/08/meinung_120.png"/>

Seit Jahrzehnten geht die Zahl von neu geschlossenen Ausbildungsverträgen kontinuierlich zurück. Alleine von 1994 bis heute sind es 32 Prozent. Die Gründe hierfür sind relativ gut bekannt und liegen in den vielfältigen Herausforderungen, denen die duale Berufsausbildung immer wieder begegnen muss. So geht es zum Beispiel um Veränderungen von Fachinhalten, der Didaktik, der Bildungspolitik oder auch der allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen. In diesem Beitrag wollen wir uns vornehmlich mit der Kompetenzorientierung beschäftigen, da die technologisch-strukturelle Ebene in der bisherigen Berufsbildungsforschung am wenigsten ausgearbeitet ist.

Die Kernthese an dieser Stelle lautet:

Die duale Ausbildung steckt in einem strukturellen Dilemma. Sie reproduziert Machtverhältnisse, die mit den Anforderungen moderner Kompetenzorientierung (vor allem mit Blick auf Digitalisierung und KI) grundlegend unvereinbar sind. Grob erklärt orientiert die klassische Ausbildung auf Standards und Vorgaben, die auf eine bestimmte Art und Weise wiederzugeben sind. Berufsbilder sind zeitlich und inhaltlich geordnet und Abweichungen nicht vorgesehen. Es kann praktisch nur ein richtiges Ergebnis geben und wer das erfüllt, bekommt eine gute Note. Bei der Kompetenzorientierung geht es um Fähigkeiten, sich in unscharfen Räumen sicher zu bewegen. Durch die Komplexitäten ist es wichtig, mit Informationen und Inhalten kompetent umzugehen und diese auch situativ einzuordnen. Dieser Widerspruch führt im Ergebnis zu einem wachsenden Kompetenzgap, der sich durch politische Maßnahmen kaum schließen lässt. Die Förderung von Aktivitäten, die zu mehr Ausbildungsplätzen führen, Prämienprogramme, Berufsorientierungsinitiativen – alle berühren die eigentlichen Ursachen nicht.

Anders formuliert – die Bildungsfragen in digitalen Zeiten und in Zeiten der KI sowie der Umgang damit, werden zu einem großen Teil über die Zukunft des Berufsausbildungssystems entscheiden. KI schafft primär keine Ungleichheiten, sondern sie macht sie schonungslos für jeden sichtbar und auch erlebbar. Das führt zu Sinnfragen, auf die es wenig Antworten gibt. KI führt zu massivem Kontrollverlust im Staat und da Schulen staatliche Organe sind, die unter anderem die Aufgabe haben, die Ideologien eines Staates zu reproduzieren, ist das aus dieser Perspektive eine schlimme Sache.

Eine Einordnung in die Geschichte

Um die Situation einzuordnen, müssen wir einmal zurückblicken. Das duale Berufsausbildungssystem wurde nicht einfach eingeführt, sondern entwickelte sich über viele Jahrzehnte aus einem Spannungsfeld von Gesellschaft, Handwerk und der Industrialisierung. Eine der ersten serienreifen Maschinen, die mit einem Datenträger (Lochkarte) gesteuert wurde, war der Jacquard-Webstuhl aus dem Jahre 1805. Unser Bildungssystem startete mit der Dreigliedrigkeit im Jahre 1809 im Rahmen des Königsberger Schulplans. Begriffe wie „der preußische Gehorsamsstaat“ fanden hier ihren Anfang und auch wenn dieser heutzutage nicht mehr explizit existiert, so ist dessen Geist doch vielerorts nach wie vor erwünscht. Ab 1901 formulierten Stern und Kerschensteiner drei Grundbegabungen, die bildungspolitische Aktivitäten des Staates begründeten. Um 1909 wurde mit der Gründung des Deutschen Instituts für technisches Schulwesen (DATSCH) erstmalig strukturell durch den Staat in die berufliche Bildung eingegriffen und 1919 gab es die erste Forderung nach einem Berufsbildungsgesetz. Erst 1969 wurde ein entsprechendes Gesetz durch den Staat verabschiedet. Schulseitig entwickelten sich Sonntagsschulen zu gewerblichen Schulen, die 1911 über die Einführung von Lehrplänen in der beruflichen Bildung verankert wurden. Seitdem lässt sich die Berufsbildung beschreiben, wie sie auch heute noch ist, wenngleich sich seinerzeit die Dualität auf die Gewaltenteilung zwischen Schule (Länder) und Betrieb (Bund) bezog. Heute meint man damit ja eher Lernorte, derer es aber üblicherweise mehr als zwei gibt.

Eine der grundlegenden Vorteile des Systems war, dass Arbeiter aufgrund der relativ homogenen technologischen Umstände einen Tauschwert ihrer Fähigkeiten hatten (sie konnten einfach in einem anderen Betrieb anfangen) und Arbeitgeber waren aus dem gleichen Umstand in der Lage, die entsprechend neuen Leute ohne viel Einarbeitung einzusetzen. Auf die Bildungsfragen bezogen war es so, dass der Bevölkerung und den Arbeitnehmern aufgrund der drei Grundbegabungen, die sich in dem dreigliedrigen Schulsystem fanden (und findet), Rollen zugewiesen wurden, die kaum zu durchbrechen waren. Volks/Hauptschule für die Ausbildung und die Arbeit, Realschule für die Realien und das Gymnasium für das Abitur und die damit einhergehende Möglichkeit höherer Dienste. Bildung in diesem funktionalen Kontext hat in erster Linie nichts mit Persönlichkeitsbildung zu tun, wie wir sie uns heute wünschen.

Die beiden folgenden Grafiken zeigen einen kleinen Überblick über die Entwicklung der Bildungssysteme. Klicken Sie darauf für die volle Größe.

Allgemeines Bildungssystem

Berufsbildungssystem

Die beschriebenen Umstände und die technologische Entwicklung vertrugen sich bis zu dem Moment, als mit der Einführung von Mikroelektronik und folgender Digitalisierung eine Beschleunigung der technologischen Entwicklung begann. Die neuen Systeme ermöglichten eine starke Flexibilität, immer neue Anwendungen in immer schnellerer Zeit. Hohe Skalierbarkeit und die Zunahme einer Komplexität, der man mit klassischer „Anforderungsbildung“ nicht mehr begegnen konnte. Bereits in den 1980er Jahren wurde Wissen entpersonalisiert und das findet in Zeiten der KI neue Höhepunkte. Wann immer die Notwendigkeit von Faktenwissen sank, stieg der Wert eines Erfahrungswissens. Kurioserweise wird dieses mit der Zeit für immer wertloser gehalten, da es sich ja um nichts „Neues“ handelt. Kompetenzen, der Umgang mit Informationen und Komplexität wurden also immer wichtiger. Wenn wir uns die technologische Entwicklung mit Blick auf den Zeitraum der Veränderung der Zahlen über neue Ausbildungsverträge ansehen, fällt das in die gleichen Zeiträume und ich würde sagen, dass der Rückgang stärker wurde, je mehr sich die Digitalisierung entwickelte. An dieser Stelle beenden wir aber den Rückblick und schauen auf das Jetzt.

Zeitreihen

Die folgende Grafik zeigt den Rückgang der neuen Ausbildungsverhältnisse und gleichzeitig den Anstieg der ersten Hochschulzugänge. An dieser Stelle sei erwähnt, dass 1981 (laut seinerzeitiger Bildungsberichterstattung) 725.000 neue Lehrverträge geschlossen wurden (605.000 BRD + 120.000 DDR). Auch wenn die Systeme in beiden deutschen Staaten unterschiedlich waren, kann man aber doch sagen, dass 1981 eben 725.000 Menschen neu „in die Lehre“ gingen. Mit der Vereinheitlichung der Bildungsberichterstattung nach der Wiedervereinigung beginnen wir die Datenreihe mit dem Jahr 1994. In der Grafik ist der Einfluss des Bologna Prozesses vermerkt und auch deutlich erkennbar.

Trotz des Rückganges blieb erstmal die Ausbildungsbetriebsquote relativ gleich, wobei auch hier ein Abwärtstrend erkennbar ist. An dieser Stelle dürfen wir annehmen, dass der absolute Rückgang stärker ist als der relative, was aber auch einem „Wertemodell“ Ausbildung geschuldet sein kann. Erkennbar ist hier auch eine Gegenbewegung der Berufsausbildung zu Bologna, die über den Peak im Rahmen der flächendeckenden Einführung von Bachelor und Masterstudiengänge zu sehen ist.

Akademisierung

Mit die größte Rolle spielte und spielt die zunehmende Akademisierung. Ob das wirklich im Sinne des Begriffs eine Akademisierung ist oder nur ein Begriff für etwas Nicht-Praktisches darstellt, sei an dieser Stelle dahingestellt. 1992 begannen fast doppelt so viele Jugendliche eine Berufsausbildung wie ein Hochschulstudium. Das sollte sich aber auch staatlicherseits ändern, weshalb bereits lange vorher Rahmenbedingungen gestaltet wurden, die mehr Hochschulzugänge ermöglichten. Die Fernuniversität Hagen oder auch die RUB in Bochum stehen beispielhaft für diese Möglichkeiten. 2021 war es aber dann so, dass es mehr als doppelt so viele Studierende wie Auszubildende gab. Auf 100 Studierende kamen knapp 43 Auszubildende, während es 1950 tatsächlich noch 75 Auszubildende waren. Ebenso stieg der Anteil der Jugendlichen mit Hochschulreife seit 1990 kontinuierlich. Mittlerweile erhalten mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die Fach- oder Hochschulreife. Die Gründe für dieses Streben liegen in einem gesellschaftlichen Konsens, dass nur so ein Aufstieg in sozialen und materiellen Kontexten möglich wäre. Das Konzept des „Schutzraum Schule“ sei hier erwähnt, welches durch die Jugendlichen nach Bologna in den Studiengängen fortgeführt werden kann (Die Eigenschaften des Schutzraum Schule sind übrigens auch für alle Erwachsenen gültig. Daher lohnt es sich, diesen Beitrag zu lesen). Dass es ist wie es ist, ist also nicht überraschend. Ein weiterer Grund für den Umstand war, dass Bologna das Studium von 9 bzw. 10 auf 6 bzw. 7 Semester verkürzte. Für viele Jugendliche, die früher wegen der langen Studiendauer zur Ausbildung strebten, wurde ein Studium auf einmal zeitlich ähnlich attraktiv wie eine Berufsausbildung.

Technologisch-strukturelle Ebene

Gleich an zweiter Stelle der Gründe für den Rückgang der neuen Verträge ist ein Kompetenzgap. Dieser wird durch die Forschung und auch in der Praxis am wenigsten erklärend beschrieben. Die Kernthese wird daher konkret erweitert:

Mit jeder neuen Welle technologischer Innovation steigt die Anforderung an eine dynamische und reflexive Kompetenzorientierung. Wissen veraltet schneller. Neues Wissen wird digitaler verwaltet und muss nicht personifiziert werden. Die Berufsbilder müssen häufiger angepasst werden und die Methoden des Lernens folgen anderen Konzepten. Das duale Berufsbildungssystem ist, historisch bedingt, institutionell träge. Die Veränderung der Berufsbilder und deren Rahmenlehrpläne ändern sich langsam, sie verallgemeinern und die Berufsbild-Logik setzt stabiles und statisches Wissen voraus. Zudem sieht das „Meister-Lehrling-Modell“ keine Augenhöhe zwischen Ausbildenden und Auszubildenden vor. Genau diese Augenhöhe aber ist Voraussetzung für echte Kompetenzorientierung in dynamischen technologischen Umgebungen, besonders wenn der Konstruktivismus oder auch neuere Lerntheorien (Lernphilosophien), wie der Konnektivismus, zum Tragen kommen. „Nur ausführen“ reicht nicht für den Einsatz und die Beurteilung komplexer Systeme, die eine Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit für kritisches Denken benötigen.

Dieser strukturelle Widerspruch ist ein systemisches und wachsendes Merkmal der dualen Berufsausbildung. Es ist kein Defizit einzelner Akteure oder einzelner Betriebe. Das Ausbildungssystem reproduziert eine asynchrone Machtstruktur, in der Betriebe bestimmen und Lernende ausführen. Diese Logik hat ihre eigene Rationalität, sie ist historisch gewachsen und aus betrieblicher Sicht nachvollziehbar. Kompetenzorientierung im Zeitalter von Digitalisierung und KI setzt strukturell etwas anderes voraus. Sie erfordert Lernende, die nicht nur ausführen, sondern erkennen, hinterfragen und einordnen. Menschen, die Wissen aktiv konstruieren und bewerten, auch im Dialog mit ihren Ausbildern und auch dann, wenn das unangenehm oder unbequem ist. An dieser Stelle liegt ein Kern des Konflikts. Das Berufsbildungssystem ist auf Gefolgschaft ausgelegt und trifft auf eine Welt, die kritisches Mitdenken einfordert.

Zum Schluss

Keine Maßnahme der letzten Jahrzehnte hat zu einer Gegenentwicklung zu den sinkenden Neuverträgen geführt. Wenn wir uns das gesamte Bild (seit 1994) anschauen dann sehen wir, dass die Trendkurve weiter nach unten zeigt. Und wir dürfen annehmen, dass die technisch-strukturellen Probleme weiter zunehmen werden. Als Schlosser und Handwerksmeister, der erst später Bildungswissenschaft und Mediation studiert hat, ist es für mich bitter zu sehen, dass es nicht genutze Lösungen gibt, die schon jahrelang bekannt sind. Sie werden nicht in Anspruch genommen. Nicht, weil die undurchführbar wären, sondern weil Lösungen im Kontext der Kompetenzorientierung zu einem totalen Kontrollverlust der Institutionen führen würden. Die Bildungsfrage der heutigen Zeit und der Zukunft, wird genau diesen Kontroll- und Machtverlust fordern.

Mir ist besonders wichtig zu betonen, dass ich die Menschen und auch die Institutionen in ihrer Arbeit und in ihrem Engagement nicht bewerten oder abwerten möchte. Es ist jedoch relevant, über die Dinge zu diskutieren. Ich bin der Meinung, dass sich die duale Berufsausbildung durch eine ernsthafte Gestaltungsveränderung mit klaren Perspektiven verändern kann – und damit vielleicht wieder mehr Akzeptanz erfährt. Sie muss in den Strukturen kooperativer und freier von Asynchronitäten werden. Alles andere werden die Menschen wahrscheinlich nicht akzeptieren, es sei denn, sie würden gezwungen. Das wäre in meinen Augen und im Sinne der Sache nicht wünschenswert.

Wenn Sie das Thema näher interessiert, dann lesen Sie gerne mein Buch „Bildungsfragen in Zeiten der KI“. Es enthält ein eigenes Kapitel „Bildung für die Arbeit“. Sie können es hier kostenfrei zur privaten Nutzung herunterladen.

Quellen

Destatis Datenquellen (2023 und 2025)
BIBB (2024): Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2024. Bundesinstitut für Berufsbildung.
BMBF (2025): Berufsbildungsbericht 2025. Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Alesi, B. / Teichler, U.: Akademisierung von Bildung und Beruf. AGBFN-Bericht.
Demografieportal Bund/Länder: Fakten — Ausbildungs- und Studienanfänger.
Bologna-Erklärung (1999): The European Higher Education Area. Joint Declaration of the European Ministers of Education.
Alle weiteren Quellenangaben im Quellenverzeichnis „Bildungsfragen in Zeiten der KI“.

©2026 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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