Befund: Totalschaden – Therapie: Mehr von der Ursache – Das deutsche Bildungssystem und ein neuer Bildungsbericht

Befund: Totalschaden – Therapie: Mehr von der Ursache – Das deutsche Bildungssystem und ein neuer Bildungsbericht <br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2014/08/meinung_120.png"/>

Vorweg – in diesem Beitrag vermischen sich meine persönliche Meinung und Haltung mit praktischen und auch wissenschaftlichen Aspekten. Ich lade zum Lesen und auch zur kritischen Diskussion ein. Der Beitrag wird nicht mit Bildern aufgehübscht und er wird mangels SEO wahrscheinlich nicht von den Suchmaschinen als relevant eingestuft. Mir geht der Inhalt hier aber über jede Form der Musterbedienunug von Algorithmen.

Wie kam es zu diesem Beitrag?

Ausschlaggebend waren drei Ereignisse der letzten Tage. Da war es zum einen ein Artikel der TAZ in dem beschrieben wird, dass die Generation Z einfach nicht mehr arbeiten will. Zum zweiten war ich Zuhörer eines Gesprächs an einer Tankstelle, an welcher ein älterer Herr erzählte, es wäre sein letzter Arbeitstag und er könne jetzt endlich anfangen, sein Leben zu genießen. Zum dritten las ich gestern einen Beitrag des IW über die Ergebnisse eines Berichts über die starken Defizite von Schüler*ìnnen in der vierten Klasse. Sie können die Nachricht des IW hier anrufen, wobei mir der Hinweis wichtig ist, dass auch Handelsblatt & Co über den Bildungsbericht des IQB berichten. Ebenfalls mit ähnlichen Schlussfolgerungen in der Bewertung. Die Nachricht des IW steht daher hier nur beispielhaft weil ich es da gelesen habe.

Die drei Erlebnisse, die zu dem Artikel geführt haben, stehen in einen Zusammenhang, der auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Daher versuche ich den Text so zu strukturieren, dass dieser Zusammenhang sichtbar wird.

Die These: Die Generation Z will nicht mehr arbeiten!

Gegenthese: Es gibt keine Generation Z, aber wenn wir die angesprochene Gruppe nehmen, so wollen DIE einfach das, was 40 plus will und zu Teilen hat. Sie wollen Sinn in der Arbeit finden, Urlaub machen, Familie haben und mit wenig Aufwand das meiste erreichen. ICH selbst komme aus der Fabrik und habe mich über Jahre von der für mich sinnfreien Arbeit befreit (Es geht um meinen Sinn und nicht den Sinn, den jemand anderes für mich sieht). ICH bin nur ein Einzelfall. DIE aber auch. Gesellschaft sind wir alle und das DIE so sind, ist Folge UNSERER Lebensart. Es gibt hierzu auch noch eine relative und eher ungewöhnliche Perspektive.

Wie in der Zeit der Industrialisierung.

Der Zustand unseres Bildungs- und Arbeitssystems lässt sich mit der früheren Zeit der Industrialisierung vergleichen. In diesen Zeiten hätte man den Arbeitern, die weniger als 60 oder 70 Stunden die Woche für besseren Lohn arbeiten wollten, den gleichen Vorwurf machen können, wie er der sogenannten Generation Z jetzt gemacht wird. Das hat man seinerzeit gemacht – sogar mit staatlicher Gewalt, auf die die Industrie zurückgreifen konnte. Man fragte sich: „Wieso wollen die weniger arbeiten, wenn doch alles auf diesem Wege vernünftig produziert wird und die Arbeiter damit ihr Einkommen haben? Reicht es denn nicht, wenn man der Familie das Essen auf den Tisch arbeitet?“. Die Fabrikarbeiter hatten seinerzeit Lebenserwartungen um die 40 oder 45 Jahre, wenn sie nicht durch einen Unfall oder arbeitsbedingte Krankheit schon vorher umkamen. Betreffend des Bildungssystems ist es sogar so wie damals. Wir haben heute noch eine Standesbildung, die in den 1870er Jahren ihren Anfang fand. Seit 1919 besteht die Dreigliedrigkeit unverändert, der seinerzeitige Kompromiss war die gemeinsame Grundschule.

Das mit der Arbeit ist im Übrigen heute noch so, wenn man sich die Arbeitsbedingungen in den armen Ländern dieser Welt anschaut. Diese Zustände der Arbeit sind immer noch entsprechend, wir nehmen sie aber nur noch entfernt in Dokumentationen wahr. Wohl aber nutzen wir alltäglich Produkte, die unter diesen Bedingungen hergestellt werden. Kinderarbeit eingeschlossen. In Gesprächen zum Thema wird mir erläutert, dass die Arbeit in der frühindustriellen Zeit menschenunwürdig gewesen seien und es daher gut ist, dass es sich zum Besseren verändert hat. Dem möchte ich nur bedingt zustimmen, denn wie beschrieben ist das in vielen Teilen der Welt immer noch so – auf unsere Kosten. Aber es gibt einen zweiten Punkt.

Früher ließ die Arbeit den Körper leiden, heute die Seele.

Während die einen seinerzeit früh, körperlich, durch die Arbeit erkrankten, so stehen heute die psychischen Erkrankungen im Vordergrund. Reihenweise geht es in den Burnout, Depressionen nehmen immer mehr zu. Die Komplexität der Welt bringt die menschliche Hardware an alle Grenzen. Jetzt darf man sich fragen, ob das eine Leid mehr Wert hat als das andere Leid. Rein physiologisch ist Leid gleich. Es gibt jedoch Menschen, die mir heute sagen, psychische Krankheiten gäbe es nicht oder sie seinen mehr oder minder durch die Medizin- und Pharmaindustrie erfunden. Man solle sich mal nur nicht so anstellen.

In den 1970rn ging es darum, dass Papa einen freien Samstag hat, den wir heute im Übrigen immer noch nicht gesetzlich haben. 6 Werktage á 10 Stunden sind drin. Nur Tarifverträge können es ändern und allzu oft sind aber Tätigkeiten oder Betriebe nicht Tarifgebunden. Mitte der 80er Jahre ging es um die 39 Stundenwoche. Das weiß ich selbst noch. „Der Niedergang – verursacht durch die faulen Socken“.

Wie viel Arbeit ist genug?

Bei der jetzigen Diskussion geht es zwar um die Jugendlichen wie auch um Ausbildung und Arbeit, aber es geht vor allem um eine Definition dessen, was Arbeit ist (Lebensgrundlage, Erwerbseinkommen, Sinn des Lebens, Anerkennung etc.). Und ab welcher Stundenzahl in der Woche ist es zu viel Arbeit, welche Zeit ist ausreichend und wann wird zu wenig gearbeitet?

Der Maschinenführer oder Schlosser würde vielleicht sagen, 42 Std die Woche reichen. Die Besitzenden und „Erfolgreichen“ würden möglicherweise sagen 50 – 60 Std. die Woche. Wenige Fragen gibt es nach der Sinngebung der Arbeit und allzu oft wird diese Frage als Luxusfrage abgetan oder in eine Fremdbewertung eines Sinns der Arbeit verlagert. „Kollege, deine Arbeit macht Sinn“ sagt ein Arbeitgeber, während der Arbeitnehmer sagt „Meine Arbeit hat keinen Sinn“. Wer motiviert und mit Sinn bei der Arbeit ist, bringt üblicherweise mehr Leistung, als wer keinen Sinn in seiner Arbeit sieht (und dabei ist es eben egal ob andere einen Sinn darin sehen). Auch die Identität mit dem Arbeitgeber und dem was er tut, ist ein zentraler Wirkfaktor. So erkennen es zumindest die agilen Arbeitsstrukturen an.

Es gibt ältere Leute, die mit immer neuem Antrieb ständig etwas Spannendes und Neues mit Sinn finden und es gibt genauso die Bürokraten die froh sind, endlich in Rente zu gehen um jetzt das zu tun, was sie immer schon machen wollten. Hier kommt das am Beginn dieses Beitrags erwähnte Gespräch an der Tankstelle zum Tragen. Was ist jetzt besser? Das muss am Ende jeder selbst für sich entscheiden.

Nutzung der Arbeitsbiene.

Ich habe die starke Vermutung, dass wir die Jugendlichen nicht mehr als Arbeiterschaft oder als Arbeitsbienen benutzen können. Denn genau so sieht es heute aus und hier kommen wir gleich direkt zu der Nachricht des IQB-Berichts vom Beginn dieses Beitrags, der dieses gut formuliert ausdrückt. Unerheblich dessen werden es die individuellen Nutznießer nicht zulassen, dass es hier Diskussionen hinsichtlich der Ausrichtung gibt. Jeder hat so sein Plätzchen: Ein Zitat aus der Berufsorientierung heutiger Zeit lautet immer wieder: „Es kann nicht nur Häuptling geben“ – sagen die Häuptlinge. Vielleicht stehen wir vor einem Wandel wie der Wandel vom Arbeitsknecht zur wertvollen Arbeitsbiene. Dieser Wert scheint zu weichen. Als jemand der noch weiß, dass Arbeiter und Angestellte zwei Klassen waren und beispielsweise verschiedenen arbeitsrechtlichen Bedingungen unterlagen, bin ich froh, dass die Menschen sich weiterentwickeln. Meine kleine Tochter wird 83 Jahre alt, wenn das Jahr 2100 gefeiert wird. Was in dieser Zeit passieren wird, können wir uns nicht annähernd vorstellen.

Die schlechten Leistungen der Kinder bremsen die Wirtschaft…

Sie können sich die Nachricht darüber hier nochmals aufrufen. Richtigerweise findet sich der Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg – der nochmals mehr zugenommen hat. Gleichermaßen wird der Verlust von 21 Punkten bei mathematischen Fähigkeiten bemängelt und der sei kritisch. Wohlbemerkt gemessen an den Vorgaben der Kultusministerkonferenz hinsichtlich eines Mindeststandards. 21 Punkte!? Die schlechten Leistungen bremsen die Wirtschaft und wirken sich auf die großen Veränderungen bei den Themen Digitalisierung, Dekarbonisierung, Klimaschutz und Energiewende aus. Dann folgt eine Forderung: Die Politik muss gegensteuern!

Ich frage mich gerade, wo sich auf politischer Ebene die Bildungsfrage an bildungswissenschaftliche und entwicklungspsychologische Erkenntnis gehalten hat oder es tut. Wogegen soll die Politik steuern? Sollen wir die Kinder austauschen? Mehr Corona Aufholprogramme, wie in dem Text? – Aufholen heißt Doppelbelastung (Sie finden das näher erläutert in diesem Beitrag). Und das für die Jüngsten, die schon über allen Maßen strapaziert sind. Die sollen noch mehr belastet werden? Diese Fragen lassen uns wieder an den Beginn des Beitrags kommen.

Die Botschaft der Nachricht ist schlimm!

Die Botschaft, die ich in dieser Nachricht auch lese, lautet: Die Kinder können nicht, was wir denen abverlangen. Implizit sind die damit auch schuld, dass „Wir“ die Transformationen nicht bewältigen können. Dabei möchte ich betonen, dass das ganze Problem der deutschen, vollständig defizitorientierten Bildungsfrage, die Folge von genau dem ist, was „Wir“ bisher gemacht haben. Das hat mit Corona wenig zu tun. Corona offenbart nur schonungslos. Was jetzt ist, hat unser Bildungssystem verursacht – wider besseren Wissens.

Der Befund ist „Totalschaden“. Die Therapie lautet: „Mehr von dem, was das Problem verursacht“, ist eine andere und wahrscheinlich nicht gewollte Formulierung für den Bericht. Ich bin mit Blick auf den Zustand unserer Bildung und dem Umgang von uns Erwachsenen damit ziemlich fassungslos. Ich weiß auch, dass Bildung auf politischen Ebenen nichts mit Entwicklung von Persönlichkeit oder Selbstentwicklung zu tun haben, sondern die Schule dient der Integration einer Funktion in einem Gesellschaftssystem und seiner Machtstruktur. Das hat mit individueller Entwicklung weniger zu tun. Unser Föderalismus zeugt genau davon.

Stellen wir uns einen Wandel vor.

Erleben wir einen kompletten Wandel in der Arbeitswelt? Erleben wir, dass Sinngebung der Arbeit der neue Maßstab wird? Wenn die Kinder und Jugendlichen nicht mehr genügen und sich quasi automatisch durch das ständig bemängelte nichtstun und nichtskönnen bewusst und unbewusst auf der Suche nach einem Sinn für ihr Leben und ihr Tun verweigern – was wäre denn dann? Mein persönlicher Eindruck ist, dass genau das gerade passiert. Und wir werden mit den bisherigen Ansätzen absolut nichts dagegen ausrichten können. Wobei ich mir das hier nicht einfach mache, aber die Vielschichtigkeiten des Problems finden hier in einem Artikel keinen Platz (so wie z.B. mangelhafte Lehrerbildung, überhaupt mangelnde Lehrerverfügbarkeiten oder Lerninhalte, die auf die Zukunft orientieren, Beamtentum, Defizitorientierung etc.).

Ich glaube wirklich, dass die Problemverursachung nicht in der Lage sein wird – eine Lösung mit derselben Denkweise zu finden, mit der das Problem entstanden ist. Nach Albert Einstein geht das nicht.

Ausklang des Beitrags und Lösungen.

Lösungsoptionen finden wir im Bereich von Privatschulen und der konsequenten Ressourcenorientierung. Viele private Initiativen machen uns das vor, es gibt die funktionierenden Systeme. Mit Menschenverstand kann ich mir nicht erklären, warum diese nicht in der Breite genutzt werden. An den Kosten kann es nicht liegen, denn die stehen zu dem, was real passiert und wie sich die Konsequenzen darstellen, in keinem Verhältnis. Ich nehme an, es ist ein politisches Problem.

Wir brauchen die Anerkennung der Menschen als biologische und soziale Wesen, deren „Grenzen der Hardware“ nicht verschoben werden können. Wir finden Lösungen in Schulfächern wie Kommunikation, der Funktionsweise von Menschen, Verantwortung, Herausforderung, Achtsamkeit, Umgang mit Informationen oder dem Lernen, wie man sich als Mensch in einer technischen und komplexen Welt bewegen kann. Dazu sind nicht die Inhalte zu vermitteln, sondern der Umgang damit.

Die Freiheit der Optionen liegt in der Entfernung der Begrenzung. Die Freiheit der Entwicklung liegt im Blick nach vorne in Richtung individueller Lebensperspektive mit Sinn und Identität.

Ergänzung: Am 19.10.2022 wurde eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zur Situation der Kita´s vorgelegt. Im Fazit findet sich der Hinweis, dass die bisherigen Bemühungen nicht reichen werden und daher das System vor dem Kollaps stehen würde. Wie sieht das eigentlich aus? So ein Kollaps eines Systems. Wie merken wir das? Hier ist der Link zur Studie. Ebenso möchte ich auf einen LinkedIn Beitrag von Dr. Dieter Dohmen verweisen, der zu diesen Themen über Lösungsansätze spricht. Sie finden den Beitrag hier.

Den gesamten Beitrag können Sie als pdf Datei hier herunterladen.

©2022 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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