Corona, mögliche Auswirkungen auf das duale Ausbildungssystem und Kinderrechte

Corona, mögliche Auswirkungen auf das duale Ausbildungssystem und Kinderrechte<br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/>

Beitrag aktualisiert – 9.6.2021 – Abschnitt Kinderrechte – Aus dem deutschen Bundestag – Nach dem Scheitern 2019 nun auch ein Scheitern in 2021 – Kinderrechte werden nicht in das Grundgesetz aufgenommen. Kritiker erläutern, man wolle nicht zu tief in Erziehungsrechte eingreifen – außerdem gelte das Grundgesetz für alle Menschen. Meine Anmerkung hierzu: Das Tierwohl ist bereits 2002 ins Grundgesetz aufgenommen worden. Ich empfehle den Abschnitt Kinderrechte in diesem Beitrag.

Vorweg – Das hier angeführte gilt im Kern nicht nur für das duale Berufsbildungssystem. Allerdings wird es hier sehr ausgeprägte Effekte geben. Wir erleben alle, was zur Zeit in den Schulen passiert. Mal Präsenz, mal Distanz, mal gar nichts. Und heute weiß keiner, was morgen ist. Viele Kinder haben gar nicht die Möglichkeit zur Teilhabe an Distanzlernen und Homeschooling ist eigentlich auch gar kein Homeschooling. Das Ganze ist ein ziemlich schlimmer Zustand und so entwickelten sich in letzter Zeit auch bei mir Gespräche, wer am Ende den Preis dafür zu zahlen hat. Darüber gibt es dann viele Meinungen, allerdings in der Mehrzahl die Antwort: Wir alle, die Wirtschaft und die Rentner von Morgen. Genau diese Rückmeldungen haben mich zu diesem Beitrag veranlasst. Er sollte kurz sein und einfach deutlich einen weiteren „Zahler“ ins Licht nehmen. Und am Ende des Beitrages folgen konkrete Vorschläge. Also dranbleiben :-).

Es geht nicht kurz

Es gibt einfach zu viel zu berücksichtigen und selbst das reicht nicht aus. Aber einfach anfangen ist ja schon einmal was. Wir sollten beim Lesen auch im Kopf haben, dass oftmals bei diesen Themen viele Inhalte vermischt werden, die eigentlich nicht zusammen gehören. Schule, Berufsorientierung und Ausbildung selbst sind komplett getrennt voneinander, funktionieren nach unterschiedlichen Regeln und nur die Übergänge bilden Schnittstellen.

Die Zeche für alle werden wahrscheinlich die Jugendlichen selbst zahlen. Die, die am meisten Schutz bedürfen, werden so beschützt, als dass sie ihre Zukunft und ihr Leben noch weniger in die Hand nehmen können als es schon vorher war. Mir ist auch an dieser Stelle nochmals wichtig darauf hinzuweisen, dass wir nicht darüber sprechen, ein funktionierendes und gerechtes Bildungssystem wiederherzustellen. Der „Vor-Corona“ Zustand ist ein Schulsystem aus den 1895er Jahre sowie ein Berufsbildungssystem, was sich in den 1920er Jahren entwickelte. Es kann einfach aufgrund der menschlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht das Ziel sein, dies unverändert weitermachen zu wollen.

Natürlich weiß keiner was passieren wird. Das ist Emergenz. Neues entsteht und es ist nicht vorhersehbar. Allerdings gibt es doch einige Hinweise aus der Vergangenheit, die uns wahrscheinliche Szenarien aufzeigen. Vorher müssen wir uns aber einmal anschauen, welche Rechte Kinder und auch Jugendliche überhaupt haben. Auf diesem Wege können wir ganzheitlicher bewerten.

Kinderrechte

Kinder und Jugendliche sind die Schwächsten in der Gesellschaft (Ältere sind die gesundheitlich schwächsten – das ist ein Unterschied). Und es ist kaum zu fassen: 2021 sollen Kinderrechte auch in das Grundgesetz aufgenommen werden. 2021! Der Tierschutz ist bereits 2002 in das Grundgesetz aufgenommen worden. Laut Bundesregierung wird Art. 6 Absatz 2 ergänzt.

„Die verfassungsmäßigen Rechte der Kinder einschließlich ihres Rechts auf Entwicklung zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten sind zu achten und zu schützen. Das Wohl des Kindes ist angemessen zu berücksichtigen. Der verfassungsrechtliche Anspruch von Kindern auf rechtliches Gehör ist zu wahren. Die Erstverantwortung der Eltern bleibt unberührt.“

Unabhängig davon hat die Bundesrepublik 1989 die UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben. Hier einige Grundprinzipien:

  • Diskriminierungsverbot: (Religion, Herkunft, Geschlecht, Gesundheitszustand u.a.)
  • Priorität des Kindeswohls: Das Wohlergehen des Kindes ist von allen öffentlichen und privaten Einrichtungen zu schützen und muss sowohl bei der Gestaltung als auch bei der Umsetzung von Gesetzgebungs- und Verwaltungsprozessen berücksichtigt werden.
  • Recht auf Leben und Entwicklung: Jedes Kind hat das Recht auf Leben, Überleben und Entwicklung, das vom Staat bestmöglich zu schützen ist.

Hier einige der wichtigsten Kinderrechte (die noch nicht im Grundgesetz verankert sind):

  • Recht auf Gesundheit
  • Recht auf Schutz vor Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung
  • Recht auf Erholung, Spiel und Freizeit
  • Recht auf Bildung und Meinungsbildung
  • Recht auf besondere Fürsorge und Förderung bei Behinderung
  • Recht auf Beschwerde bei Kinderrechtsverletzungen

Besonders die Punkte Gesundheit, Entwicklung, Bildung, Spiel und Meinungsbildung sollten wir bei der folgenden Betrachtung hinsichtlich der Berufsbildung im Auge haben.

Der Blick in die Glaskugel

Dadurch, dass Schule nicht oder völlig inakzeptabel stattfindet, ergeben sich konkrete Auswirkungen auf die duale Berufsbildung. Bereits vor Corona wurde ein großes Spannungsfeld hinsichtlich Berufsorientierung und Verfügbarkeit von interessierten Bewerber*innen (zusätzlich werden hier noch qualitative Aspekte bezogen auf die Reife von Jugendlichen angeführt) sichtbar. Bis auf seltene Ausnahmen laufen alle Maßnahmen zur Verbesserung der Lage ins Leere. Als Heilmittel wird eine Stärkung des Übergangssystems gefördert, um die Anforderungen an das duale System zu bedienen.

Noch vor 12 Jahren wurde ziemlich deutlich darauf hingewiesen, dass es eigentlich kein Übergangssystem gäbe. Heute ist es eine feste Größe. Auf diesem Blog finden sich viele Beiträge dazu. Hier finden Sie eine grafische Verordnung des Übergangssystems. Das System selbst ist nicht geschlossen und sehr dynamisch. Allerdings ist es geprägt von wirtschaftlichen Geschäftsmodellen der Akteure.

Das „Problem“ Schule vergrößert sich durch Corona. Die Auswirkungen daraus werden sich in den nächsten Jahren als Übergangsprobleme manifestieren, in welcher die jetzt „nicht versorgten“ mit den in Zukunft dazukommenden „jeweils aktuellen“ Bewerber*innen zusammen kommen und eine Altbewerber Bugwelle verursachen, wie wir sie schon einmal 2010/11 hatten. Mit dem Unterschied, dass die Ausbildungsangebote und die Interessenten weniger werden und die Zahl der „Zuweisungsbewerber“ höher wird.

Kurzum – es werden noch mehr Jugendliche als „defizitär“ definiert, damit ihnen eine finanzielle Förderung aus den Sozialgesetzbüchern zukommen kann. Das bedeutet eine massive Stärkung des Übergangssystems und eine Steigerung von Folgeproblemen hinsichtlich der Stigmatisierung, beispielsweise von Ersatzmaßnahmen oder Ersatzausbildungen außerhalb betrieblicher Systeme. Für die Akteure im Übergangssystem durchaus ein Fest (Ironie).

Politische Regulierung

Das Ganze wird wohl mit sogenannten (und durch Politiker so bezeichneten) Aufholprogrammen für die Jugendlichen angeschoben, die Nachteile für Jugendliche abmildern sollen (Anm. eine unfassbare Definition von Nachteil). Ich kann mir vorstellen, dass es hierbei darum gehen wird, noch stärker auf das System anzupassen und die persönliche und individuelle Entwicklung noch mehr zu vernachlässigen, als es vor Corona der Fall war.

Es dürfte auch so etwas wie Ausbildungsgarantien der Politik geben. Das aber nicht in Betrieben, da hier Durchgriffe in private Regelungen (zu denen Ausbildungsverträge gehören) erfolgen würden und eine angeordnete Ausbildungsplatzgarantie aus betrieblicher Seite nicht machbar ist. Der Kniff kann sein, dass außerbetriebliche Ausbildungsplätze finanziert und durchgeführt werden und diese denen garantiert werden, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden. Und zwar unerheblich der Menge.

Da dieses Vorgehen (ist schonmal passiert bei Friseuren) zu einem Erziehen zu „Nichtausbildung“ in Betrieben führt, beginnt so ein Spannungskreislauf. Kurzum – wenn jemand anderes bezahlt, braucht der Betrieb nur warten, bis genug keinen Platz bekommen und können sich dann melden. Wer sich für den Zusammenhang interessiert, dem empfehle ich eine Suche auf dem Blog. Das Thema wird hier auch in Abständen bearbeitet.

Zusammengefasst ist folgendes möglich

  • Mehr Maßnahmen durch die Sozialgesetzbücher
  • Dadurch Stärkung des Übergangssystems
  • Dadurch werden mehr Jugendliche als defizitär im System deklariert
  • Dadurch werden Träger von Ersatzausbildungen oder Maßnahmen im Übergangssystem besonders gestärkt
  • Es wird damit eine Schuldzuweisung indirekt an die Jugendlichen geben
  • Nachholprogramme werden noch mehr Druck auf unsere Kinder ausüben
  • Es wird eine „Altbewerberbugwelle“ geben
  • Psychische Belastungen und auch Krankheiten bei Kindern werden durch Dauerüberforderungen zunehmen

Das Ganze passiert auch vor dem Hintergrund, die Systeme zu erhalten. Das sind keine Maßnahmen und Wege zur Stärkung junger Menschen und sie dienen nicht der Entwicklung von Lebenskompetenz, Selbstbewusstsein und eigener Werteerkennung. Das Gegenteil ist der Fall.

Ein Hinweis vor den Vorschlägen

Vor den Vorschlägen noch mein Hinweis, sich nun noch einmal die Kinder- und Jugendlichen Rechte anzuschauen, die in 2021 – sofern überhaupt mit 2/3 mehrheitsfähig, durch die Bundesregierung beschlossen werden sollen. Die UN Kinderrechtskonvention darf sich jeder dann auch noch einmal anschauen.

Üblicherweise werden meine Beiträge als sehr systemkritisch gesehen. Das kann man auch so deuten. Allerdings geht es mir nicht darum, die positiven Effekte unserer Systeme irgendwie weg zu reden und natürlich erlaubt uns die Stabilität auch den Wohlstand in dem wir leben. Aber es gilt, alle Aspekte laut auszusprechen. Und die jungen Menschen haben zwar eine Stimme, sie wird aber nicht gehört. Ich plädiere aber deutlich dafür, dass es Alternativen gibt, so das Bildung gerechter sein kann als sie bei uns ist. Ich mache das an einem Beispiel klarer.

Es gibt das große Schiff duale Berufsausbildung. Ein alter Schlepper. Er fährt noch und das zuverlässig. Aber er wird älter und verschließt. Manche wollen oder können gar nicht mehr mitfahren. Die werden in kleine Boote gepackt und die werden an den Schlepper gehängt und mit abgeschleppt. Kommt jetzt ein Sturm – was meinen Sie? Der Schlepper befreit sich von der Last der geschleppten Boote um selbst gut durch den Sturm zu kommen. Daher sage ich: Es muss eigene und selbst fahrende Boote geben, auf denen alle Menschen die Möglichkeiten haben von A nach B zu kommen. Fahrzeuge, die modern sind und viele Optionen bieten. Das ist natürlich was anderes als ein Schlepper aus 1900. Darum wird es gehen.

Vorschläge? Gerne!

  • Aufheben von Zugangsbeschränkungen. Wer sich auf eine Zugangserlaubnis konzentriert, engt sich ein und kann in dieser Zeit nicht nach Möglichkeiten suchen.
  • Aufheben eines spaltenden, mehrgliedrigem Schulsystem, bei dem es wichtiger ist, wer es betritt, als wer es verlässt. Es gibt keinen vernünftigen Grund für eine Vorselektion hinsichtlich des Zutritts in ein Bildungsformat.
  • Stärken der Werteorientierung von Menschen. Stärken der Selbsterkenntnis von Stärken. Konsequentes Vorleben der Suche nach Möglichkeiten und nicht dem finden von Gründen etwas nicht zu tun.
  • Stärken der Selbstverantwortung von Menschen – das geht einher mit Gewährung und der Überlassung von Entwicklungen im Bedürfnis der Betreffenden und nicht der Bedarfe derer die meinen, sie können über andere verfügen.
  • Kompetenzorientierte Bildungsformate.
  • Freie Entwicklung fördern.
  • Konstantes stärken der Beziehungsebenen zwischen Nachwuchs und Vorgängern.
  • Kommunikation als Hauptfach.
  • Unternehmen weiterbilden, Beziehungsebenen mit Jugendlichen zu bilden.
  • Übergangsmaßnahmen hochwertig gestalten aber ohne wirtschaftliche Ausrichtung.
  • Ausgedehnte Weiterbildung von Bildungspersonal mit Blick auf individuelle Persönlichkeitsentwicklung.
  • Aufhebung des Defizitförderungssystems.
  • In der Berufsorientierung nicht Berufe erklären, sondern Gespräche mit den Menschen vermitteln, die Berufe ausüben. Wie ist derjenige dahin gekommen wo er/sie ist und warum.
  • Nicht orientieren, sondern vermitteln wie man sich orientiert (Methodenkompetenz vor Inhaltsdownload).
  • Umgang mit Information und Komplexität.
  • Entwicklungspsychologische Einflüsse stärker beachten.
  • Menschen, Verhalten und Funktionsweisen in den Fokus nehmen.
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen.

An anderen Stellen verändern wir uns auch!

Hinweise: Kinder sind nach deutschem Recht noch nicht 14 Jahre alt, Jugendliche sind die in einem Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Damit sind diese Menschen alle in diesem Kontext Schule/Berufsorientierung/Ausbildung relevant.

©2021 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

2 Kommentare zu „Corona, mögliche Auswirkungen auf das duale Ausbildungssystem und Kinderrechte

  1. Letztes Jahr „feierte“ die Welt 30 Jahre UN Kinderrechtskonvention, mit Blick auf die sogenannten Dritte Welt Länder, ohne zu beachten, dass sich Deutschland in Sachen Kinderrechte überhaupt nicht bewegt. Nach meinem Erachten aus gutem Grund, denn hier wird der Transformationsprozess beginnen. Alte Systeme der Macht mithilfe von Ausgrenzung und Diskriminierung werden nicht funktionieren mit selbstgesteuerten Booten. Der 16. Kinder- und Jugendbericht zeigt das auch an der Stelle, wenn es um politische Bildung geht. Eine absolute 6 für unsere Schul- und Ausbildungssysteme. Überall da wo es um das Erlangen von Gestaltungskompetenz geht, sind Scheinaktionen und Lippenbekenntnisse an der Tagesordnung. Was jetzt unter Corona passiert, ist absolut faszinierend. Was soll eigentlich noch passieren, bis dieser ausgediente, hässliche, stinkende Kahn endlich ausgemustert wird?

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