Beteiligung an dualer Berufsausbildung – Systemprobleme – Gedanken für mehr Beteiligung

Beteiligung an dualer Berufsausbildung – Systemprobleme – Gedanken für mehr Beteiligung<br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/>

Vorweg eine Erläuterung hinsichtlich der Selbsterhaltungskräfte in Systemen, die eine klare Relevanz für unser Bildungs- und Berufsbildungssystem haben. Bekanntermaßen nutzen wir nach wie vor ein allgemeines Bildungssystem aus der deutschen Kaiserzeit und ein Berufsbildungssystem, welches in den 1920er Jahren anfing, sich zu entwickeln. Stände und Schichten spielen dabei auch heute noch die wesentliche Rolle. Ich habe den Beitrag geschrieben, um die Sachverhalte besser verstehen zu können.

Das System bröckelt…aber der alte Motor läuft weiter. Warum Modellversuche und Best-Practice wenig zu Veränderungen beitragen.

Interessant im Zusammenhang mit dem Systemproblem in der Berufsbildung ist allgemein, dass sich die Außenwelt (Technologie, Gesellschaft, Haltungen etc.) sehr stark beschleunigt. Mit Blick auf die vorhandenen Beharrungskräfte der Menschen im System entsteht oft der Effekt, dass man deswegen noch mehr an der „alten Ordnung“ starr festhält und sie weiter einfordert. Es handelt sich um den Versuch, Kontrolle zu behalten. Dies verstärkt die Probleme zusätzlich, weil die alten Standards den „neuen“ Realitäten nicht mehr gerecht werden (können). Nun kommt allerdings hinzu, dass diese Beharrungskräfte die „Struktur und Ordnung“ so internalisiert haben, dass sie gewohnheitsmäßig (habituell) verankert sind und es gar nicht anders möglich ist, die auf diesem Wege eingegrenzte Weltsicht zu verteidigen. Denn jedes In-Frage-Stellen eines Aspektes würde dazu führen, dass die Struktur zu bröckeln beginnt. Dies dürfte eine der Begründungen sein, warum Modellvorhaben oder gänzlich innovative Methoden die alten Systeme eher stützen, als zu deutlicher Veränderung beizutragen.“

1. Kleine und mittlere Betriebe sind mit dualer Ausbildung und den Anforderungen von heute überfordert

Das duale System ist originär für die kleinen und mittleren Betriebsgrößen gedacht. Die Probleme liegen dabei weniger in der Durchführung der Ausbildung, sondern in dem Zugang zu den Jugendlichen sowie an den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Eine Überforderung tritt ein, wenn von den kleinen und mittleren Betrieben erwartet wird, zusätzlich zu den Anforderungen im dualen System, weitere Ressourcen und Maßnahmen für Inhalte aufzuwenden, die sich auf das System beziehen.

2. Kleine und mittlere Betriebe beteiligen sich nicht ausreichend an Berufsorientierung

Das stimmt punktuell. Sie beteiligen sich nicht ausreichend an Berufsorientierung, so wie sie institutionell in Deutschland (vermeintlich) vorgegeben wird. Ebenso liegt ein Grund in der fehlenden Adaption der institutionellen Berufsorientierungsmaßnahmen an den realen Lebenswirklichkeiten der kleinen und mittleren Betriebe. Durch diesen Umstand können diese kaum teilnehmen und wenn sie es denn tun, dann werden sie von den großen Darstellungen und den umfangreichen Ressourcen größerer Betriebe überstrahlt. Im Weiteren verschiebt sich der Fokus von der tatsächlichen Arbeits- und Ausbildungsrealität hin zu einem Präsentationswettbewerb.

3. Es gibt kein Matchingproblem

Die Zahlen der letzten 25 Jahre zeigen es deutlich. Im Schnitt 25 % brechen die Ausbildung ab. Nur 5 % verlassen aber das duale System. Der Rest geht in andere Berufe oder einfach in andere Betriebe. Diese Quoten sind als normaler Missmatch bei Entscheidungsprozessen zu sehen. Externes Ausbildungsmanagement unterstützt bei dem Matching – allerdings wirken hier Kommunikationseffekte und das strukturierte Herstellen von Beziehungen. Es gibt mehr Vermittlungen, weil mehr bearbeitet wird. Durch Verschiebungen bei jugendlichen Entscheidungsprozessen ist die Zielgruppe nicht mehr der „normale Schulabgänger“. Zudem werden Betriebe in starke Veränderungsprozesse, wie zum Beispiel durch Digitalisierung, gedrängt. Es stoßen damit zwei unorientierte Parteien aufeinander, die einen gemeinsamen Vertrag unterschreiben sollen.

4. Zunehmende Verallgemeinerung und Zusatzbemühungen, um die Akteure „Systemfähig“ zu machen

Trotz aller Bemühungen und aller Maßnahmen, scheint sich die Situation der Berufsausbildung weiter zu verschlechtern. Es wird wohl nicht möglich sein festzustellen, wann ein System kippt. Aber aus der Historie wissen wir, dass die Erkenntnisse aus Systemabstürzen üblicherweise nach eben diesen in das Bewusstsein derer rückten, die vorher gedacht haben, es würde mit kleinen Anpassungen weitergehen. Unternehmen, die sich nicht mehr auf ein System verlassen (Systemflucht) möchten oder können, finden neue Wege für sich selbst. Der kommunikative Teufelskreis verstärkt sich durch Ausbildungsmarktteilnehmer im Übergangssystem ohne betrieblichen Ausbildungsauftrag. Die Geschäftsmodelle dort sind ein Teil für die Teufelskreisgrundlage der (in der Gesellschaft akzeptierten) formalen Regelsysteme „Betrieb/Unternehmen“ sowie der (in der Gesellschaft wenig akzeptierten) informellen Regelsysteme „Nachwuchs/Schüler“. Das belegen viele Beispiele aus Modellprojekten.

5. Beratung zu Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte führt zu mehr Beteiligung an dualer Berufsausbildung

Eine der Hauptbegründungen junger Menschen für eine Entscheidung gegen Ausbildung und stattdessen für einen weitergehenden Schulbesuch auch ohne entsprechende Notensubstanz ist es, mindestens zur Fachhochschulreife zu gelangen, um studieren zu können. Der Grund liegt zum einen in einem Vorleben der erwachsenen Gesellschaft, die den Jugendlichen als Modell steht sowie zum anderen aber auch mit Blick auf die realen Lebensperspektiven, die Berufsabschlüsse bieten. Wird die Ausbildung als Weg zum Studium deutlicher beworben, führt dies eher zum Blick auf duale Berufsausbildung als Form eines formalen Reifeerwerbs. Damit liegt der Fokus auf weiterer Entwicklung. Fühlen sich Menschen dann in Situationen wohl, gibt es nur wenig Anlass für gravierende Veränderungsbestrebungen (Klebeeffekte). Nach wie vor führt der Hochschulzugang über berufliche Qualifizierung ein Schattendasein.

6. Die Ausbildungsreifediskussion ist zu ignorieren

Die Reifezuweisungen durch Institutionen berechtigen zu nichts und haben nur Operationswert hinsichtlich der gesetzlichen Zuweisungsaufgabe zum Beispiel über die Sozialgesetzbücher. (Diese Aufgabe wurde durch den Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch 3 (SGB III) festgeschrieben. So gibt der § 31 des SGB III Grundsätze vor, die Neigungen, Eignungen und die Leistungsfähigkeit der Ratsuchenden sowie deren Beschäftigungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. Der § 6 im SGB III schreibt eine verbindliche Chanceneinschätzung / Profiling für Ausbildungssuchende vor. Die Bundesagentur für Arbeit hat den gesetzlichen Auftrag, Ausbildungsreife unter Berücksichtigung der Grundgesetzartikel 2: freie Entfaltung der Persönlichkeit, 6: Elternrecht, 11: Freizügigkeit und 12: freie Wahl des Berufes festzustellen. Übrigens – Das Sozialgesetzbuch 2 kennt den Begriff der Ausbildungsreife gar nicht. Dennoch unterliegen Jugendliche dem Sozialgesetzbuch 2, wenn sie z.B. mit den Eltern in einer Bedarfsgemeinschaft leben.

Abschließender Gedanke:
Für all das finden sich viele wissenschaftliche Forschungsergebnisse. In Folge tritt dann der Effekt ein, der ganz am Anfang des Beitrags beschrieben wurde. Und nirgendwo sonst ist mir bekannt, so wenige Ergebnisse der Wissenschaft einzubeziehen, wie in unserem Bildungssystem. In der Gestaltung gelten eher Meinungen und Ziele, die im Grunde wenig mit der Entwicklung von Menschen zu tun haben.

Vergessen wir auch nicht den kommunikativen Teufelskreis der Parteien. Da es ein Kreislauf ist, gibt es keinen Anfang und kein Ende – und niemand hat Schuld daran. Die Schuldfrage ist immer eine Zuweisung und sie richtet sich „nach hinten“. Für den Blick nach vorne und die Suche nach Möglichkeiten, hat die Schuldfrage keine Relevanz.

©2021 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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