Passungsprobleme – was Jugendliche falsch machen und warum die Klage über Jugendliche ungerecht ist

Passungsprobleme – was Jugendliche falsch machen und warum die Klage über Jugendliche ungerecht ist<br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/>

Dieser Beitrag wurde im Rahmen eines Empowerments für Jugendliche und Schüler*innen geschrieben*. Worum geht es?

In der regionalen Zeitung fand ich ein Interview in dem es darum ging, dass so viele Jugendliche noch keine Ausbildungsverträge unterschrieben haben und damit auch als „unversorgt“ gelten. Beschrieben wurde ebenso, dass es in der Region mehr freie Ausbildungsplätze als Bewerber gäbe, die Chancen für Bewerber daher sehr gut seien und das die Unternehmens kaum noch wissen, wie sie an „geeignete“ Bewerber kämen. Fast hätte ich gar nicht mehr weitergelesen, da fiel mir ein Satz in´s Auge, der mich wieder daran erinnerte, dass der Blick von einer anderen Seite die Perspektive ergänzt und man mit diesem das eigene „Tun“ reflektieren kann. Im Interview war zu lesen:

„[…] warum es dennoch oft nicht passt zwischen Bewerber und Unternehmen: Es handelt sich um die so genannten Passungsprobleme. Bedeutet: Manche Jugendliche hätten sich zwar für bestimmte Berufswünsche vormerken lassen, bringen aber nicht die nötigen Voraussetzungen dafür mit. Damit seien eine falsche Selbsteinschätzung hinsichtlich der Eignung für einen Beruf, Schulnoten und Verhalten beim Vorstellungsgespräch ebenso gemeint wie keine oder zu späte konkrete Bewerbungsbemühungen“ (WAZ 21.04.2022 – Print).

Meine Arbeit an einem Beitrag zu einem Informationsparadox und dieses sehr einseitige Zitat bewegte mich zu einem spontanen Beitrag. Dabei ist mir völlig klar, dass die Menschen, die zum Beispiel in der Berufsorientierung arbeiten, ihr Herz bei diesem wichtigen Anliegen haben. Ich weiß, dass meine Gedanken den Anschein erwecken können, ich würde die handelnden Personen kritisieren. Das liegt mir völlig fern und ich beziehe mich auf das jeweilige System.

Meine Anmerkungen zu dem Zitat:

Unversorgt genannt zu werden heißt nicht, unversorgt zu sein. Neben der Verortung der Unversorgtheit spielen weitere Einflussfaktoren eine Rolle, wie zum Beispiel die Zuweisung von Ausbildungsangeboten, die Freiwilligkeit von Meldungen oder die Bewegung von Jugendlichen innerhalb ihrer eigenen Systeme.  Das wird in anderen Beiträgen thematisiert – ein Beispiel findet sich hier .

Im Weiteren entstehen Passungsprobleme (laut Interview), weil Jugendliche „falsch“ sind. Sie schätzen sich falsch ein, sie schätzen die Eignung für einen Beruf falsch ein, sie haben falsche Schulnoten, falsche Vorstellungen von Berufen und sie verhalten sich falsch beim Vorstellungsgespräch. Zusätzlich bemühen sich einige nicht um Bewerbungen. Als Mediator fragte ich mich umgehend, ob „Passung“ nicht etwas ist, an dem mehrere Parteien beteiligt sind? Was macht die eine Partei denn richtig oder was ist denn bei der anderen Partei falsch?

Ich mag es nicht Schuldige zu suchen, denn das ist rückwärts gewandt und orientiert nicht auf die Zukunft. Nebenbei gesagt bringt die Suche nach Schuldigen keinen Effekt und vor allem – wenn gefunden – hat das keine Konsequenz auf die Zukunft. Deswegen schaue ich einmal kurz auf die andere Seite und drehe die Fragestellung um. Da können Sie aktiv mitmachen.

Googlen wir:

1. finden wir Beiträge wo steht, was die Jugendlichen richtig machen! Wie viele und welche Ergebnisse finden Sie?

2. finden wir Beiträge wo steht, was die Unternehmen oder Betriebe falsch machen! Wie viele und welche Ergebnisse finden Sie?

Bis hierher haben wir noch nicht über ein „Warum“ gesprochen. Warum verhalten die sich falsch? Warum schätzen die sich falsch ein? Wer von „den Jugendlichen“ spricht, darf auch von „den Vorgängern“ sprechen.

Welche Fragen lassen sich ableiten?

Die eigentliche Frage lässt sich hier mit einem anderen Blick auf die Sache formulieren:

„Wie ist es möglich, dass wir Vorgänger es nicht geschafft haben und nicht schaffen, trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnis und Methode sowie Milliarden von Euro, den Jugendlichen zu zeigen, wie sie es richtig machen?“

Provokante Fragen wären auch: „Welche Lerninhalte an Unis oder Ausbildungsgängen fehlen, um aufzuzeigen, wie man es richtig macht?“

Wir bieten Millionen von Informationen frei verfügbar an – jede Information die man benötigt kann man finden. Kann es auch daran liegen, dass eine Unzahl von Ratgebern und Experten die Jugendlichen beraten, bearbeiten oder steuern möchten?

Kann es daran liegen, dass es vielleicht gar nicht in dem Maße um die individuelle Entwicklung der Jugendlichen geht, die oftmals in den Vordergrund gestellt wird? Vielleicht von allem etwas und wer sich weiter interessiert, findet vielfältige Beiträge auf diesem Blog.

Multioption

Es kommt noch etwas hinzu, welches in meinen Augen den höchsten Anteil an der Situation hat. Das sind die Multioptionseffekte. Es handelt sich knapp gesagt um Effekte die entstehen, wenn eine Überzahl an Informationen zu einem Thema oder einer Sache zur Verfügung stehen. Diese führen zu Überforderung und darüber zu Unorientierung oder auch Angst. Wenn Sie mehr über Multioption wissen möchten, schauen Sie hier und ich empfehle vor allem das Buch von Peter Gross – Die Multioptionsgesellschaft. In der „vor-Internet Zeit“ spielten die nur eine geringe Rolle in dem Kontext dieses Beitrags.

Aber genau darin sind wir Vorgänger Spezialisten. Wir sammeln alle Sachinformationen, bereiten die auf (interpretieren in jeglicher Art), stellen das alles öffentlich zur Verfügung und gehen davon aus, dass dies jeder mal mehr oder weniger versteht. Im Bereich der Berufsorientierung sind es mit simpler Recherche alleine 3,5 Millionen Ergebnisse. Die Zahl der dahinterliegenen Seiten ist unzählbar, die wiederum dahinter liegenden Sachinformationen sind wie eine Galaxie. Man nimmt nur noch Sterne wahr. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Vielzahl an Information von unterschiedlichsten Institutionen veröffentlicht werden und jede davon sich von anderen abgrenzen möchte. Das bedeutet zum Beispiel, die gleiche Sache verschiedentlich zu formulieren oder auch zu gewichten.

Lösungen?

Das dieser Zustand praktisch untragbar ist ahnen auch schon viele Insitutionen und versuchen, Lösungen zu präsentieren:

Orientierung durch Clusterung der Sachinformationen. Es werden zig tausend Seiten erstellt, die zusammenfassen, wo welche Informationen zu finden ist. Das bedeutet, dass man versucht, die Grundlage der schieren Informationsüberfoderung durch noch mehr Information bearbeitbarer zu machen. Es ist kein Witz. Sie finden schon Internetseiten, die sammeln alle Seiten auf denen steht, wo welche Informationen zu finden sind. Eine Art „Informationsinception“. Dabei ignorieren wir in diesem Beispiel sogar die Insitutionen, die über ihre Aufgaben in der Hinsicht auch noch informieren und sich abgrenzen wollen. Wieso wird es trotzdem nicht besser?

Ein Informationsparadox: Wir versuchen, unübersichlich viele Informationen verständlich zu machen, in dem wir noch mehr Informationen hinzufügen.

Warum machen wir das? Forschung belegt, dass dieses Vorgehen Unsicherheit, Unorientiertheit, Sorgen und auch Perspektivlosigkeit fördert. Warum setzen wir nicht unsere Erkenntnisse in Kommunikations- und Verstehensbildung ein?

Meine Antwort ist systemkritisch und damit nicht schnell lösbar. In erster Linie möchten alle, die in diesen Feldern unterwegs sind, verständlicherweise nicht ihrer Geschäftsmodelle beraubt werden. Unorientierung bei der Zielgruppe ist eine Einnahmequelle. Zum zweiten ist es so, dass sich die unternehmerischen Zielgruppen auf diesem Wege auf Dienstleistungen verlassen können bzw. diese auch beanspruchen. Sie brauchen sich in Teilen nicht selbst kümmern.

Das ist alles nur theoretisch, aber praktisch nachvollziehbar. Klar ist auch, dass Jugendliche meist nie machen, was die Vorgänger sich wünschen (hier ein Beitrag dazu). Die Jugendlichen sind Menschen, aber genau hier fehlen manchmal auf der Seite der Vorgänger Vorstellungen, dass Jugendliche eigentlich nur das möchten, was auch jeder Erwachsene möchte. Eine Perspektive für das eigene Leben.

Und sie blicken dabei auch auf die Erwachsenen und sehen zum Beispiel, dass diese eine „Verjugendlichung“ vorleben oder auch früh immer davon sprechen, hoffentlich bald weniger zu arbeiten um mehr Freizeit zu haben. Um sich mehr selbstverwirklichen zu können. Und sie sehen oftmals Erwachsene und Vorgänger, die sich unauthentisch und unangemessen den Jugendlichen gegenüber aufführen. Genauso wie es umgekehrt manches mal auch der Fall ist.

Wir brauchen Verständnis für alle beiden Beteiligten in der Ausbildung. Für den Betrieb und die Jugendlichen. Nur die Beiden sind beteiligt. Die müssen zusammenarbeiten. Praktisch kooperieren. Daher müssen sich diese zentralen Akteure unterhalten und im Sinne einer gemeinsamen Perspektive die Zukunft gestalten.

Ach ja – wie könnte man das angehen? Drei Ansätze versprechen Besserung: 1. Lehren, wie man mit Informationen umgeht und eben nicht die Sachinformationen vermitteln. 2. Kommunikation als Hauptfach (keine Kommunikationstechnik) und 3. Ressourcenorientiertes Arbeiten mit den Jugendlichen.

*Empowerment ist die Stärkung des Kommunikationsanteils einer Partei zur Herstellung einer „Augenhöhe“ mit einer anderen Partei. Dabei sind diejenigen, die Empowerment durchführen allparteilich bzw. für jede Partei gleichermaßen da. So lässt sich zum Beispiel über Umformulieren oder Nachfragen das gegenseitige Verstehen fördern und es werden Asyncronitäten in Gesprächen angeglilchen. 

©2022 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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