Vom Verstehen – Was ist Verstehen und was ist Verständnis?

Vom Verstehen – Was ist Verstehen und was ist Verständnis? <br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2014/08/meinung_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/>

Vielleicht kennen Sie das: „Warum verstehst du das nicht?“ oder „Wieso kannst du kein Verständnis aufbringen für diese kleine Sache?“. Dieser kurze Beitrag soll zeigen, wie komplex Verstehen und Verständnis ist. Und somit auch um ein wenig „Verständnis“ für Menschen werben, die nicht einfach verstehen, nur weil beispielsweise eine Führungskraft doch alles deutlich gesagt hat. Nehmen Sie zur Einstimmung das Beitragsbild. Würde ich um eine Beschreibung bitten, höre ich möglicherweise folgendes: „Es gibt grüne, blaue und gelbe Farbe“. 🙂 Selbstverständlich würden Sie sagen: „Es gibt große und kleine Buchstaben…und das in jeweils verschiedenen Größen (in unübersichtlich vielen). Zudem sind Worte zu lesen – die Worte sind mal senkrecht, mal waagerecht oder auch irgendwie einfach durcheinander. Und es gibt weiße Flächen…und das Bild ist rechteckig…und es sind auch nur zwei Worte.“

Hier nun Fragestellungen zu dem Bild:

  • Haben Sie erkannt, um welches Motiv es sich auf dem Bild handelt?
  • Haben Sie die Worte lesen können?
  • Verstehen Sie das Bild, wenn Sie erkennen würden, dass es eine Wiese mit Hügeln, zwei Wolken und einer Sonne darstellt?
  • Ist Ihr „Verstehen“ das gleiche wie meins?
  • Und was ist mit dem Sinn, den das Bild hat? Ist Ihnen ein Sinn erklärlich? Kurzum: Ist Ihnen das Bild verständlich? Haben Sie Verständnis für seinen Einsatz und wenn ja – warum? Und wenn nein, was fehlt Ihnen zum Verständnis?
  • Zuletzt die Frage: Sind Sie einverstanden, dass ich das Bild so benutze?
  • Konnten Sie das Motiv besser erkennen, wenn Sie sich nahe davor befanden oder eher, als Sie weiter weg waren?

Fragen über Fragen – gehen wir das etwas systematischer an. Was ist Verstehen? Was ist Verständnis und was ist ein inneres Einverständnis?

Verstehen ist das inhaltliche Begreifen von Sachverhalten durch Beobachtung und Kommunikation (Kenntnisnahme) sowie mentaler Erfassung eines Kontextes, in dem der Sachverhalt steht (Auflösung Komplexität).

Dies entscheidet über die Realität des Einzelnen, da zum einen das Gehirn unbewusst Eindrücke als Irrelevant wegfiltert und zum anderen Botschaften kognitiv mit vorhandenen, eigenen „Wirklichkeiten“ vermischt. Verstehen verändert damit die Realität und führt zur Konstruktion oder Erweiterung der eigenen Wirklichkeit. Das Ergebnis der Wirklichkeitskonstruktion ist demnach ein anderes als das, was der Sender gemeint hat (Hermeneutik). Das Verstehen erlaubt eine Erklärung des Sachinhalts, durch die sich ein Sinn ergeben kann. Wer versteht, kann in seiner Wirklichkeit folglich mit den Dingen einverstanden oder nicht einverstanden sein und hat damit beispielsweise eine (wofür auch immer benötigte) Entscheidungsgrundlage.

Die Begriffe von Verstehen, Verständnis und Inneres Einverständnis bauen aufeinander auf – sie folgen aufeinander. Das folgende Schaubild zeigt die Mustermerkmale des Verstehens.

Verstehen (Erfassen):

Die grünen Begriffe bezeichnen grundsätzliche Verstehens Merkmale. Ein Mensch ist in der Lage, beispielsweise ein Wort als Wort wahrzunehmen. Folgend wird die Wahrnehmung interpretiert. Zwischen Wahrnehmung und Interpretation kommt Gefühl ins Spiel, welches über weiteres entscheidet. Erst dann wird dekodiert. Jemand sagt zu einem anderen: „Ich gehe nach Hause“. Das gesprochene Wort wird über einen Kanal (hier das Ohr) wahrgenommen, im Gehirn verarbeitet und als Wort (Muster) erkannt – sofern das Muster vorhanden ist und jenseits eines inhaltlichen Verständnisses (Wer der genutzten Sprache nicht mächtig ist, kann das also nicht). Wer die Sprache spricht, versteht jedoch die einzelnen Worte: -Ich-gehe-nach-Hause-. Wird das Wort aufgeschrieben, aber der angeschriebene kann nicht lesen, so können die Worte ebenfalls nicht verstanden werden. Das hört sich logisch und simpel an – später im Beitrag kommen wir noch einmal an diesen Punkt. Erst wenn die einzelnen Worte verstanden werden, kann das Sachverständnis entstehen.

Verstehen (Sachverständnis):

Das Sachverständnis setzt ebenfalls Merkmale voraus – hier sind es die gelben Begriffe. Ein Sachverhalt ist notwendig, um zu verstehen, aber auch ein Kontext. Dabei geht es nicht nur in einem inhaltlichen Kontext, sondern auch um den, in den der Sachinhalt eingebettet ist. Also zum Beispiel warum ein bestimmter Sachverhalt in der Organisation bearbeitet wird. Im Weiteren benötigen wir die Zeit und den Raum, den Sachinhalt zu erfassen. Hektik und die Erläuterung zwischen Tür und Angel wäre hier zu vermeiden. Bleibt noch die Intuition. Sie bildet einen Beitrag zum Verstehen, der üblicherweise nicht als solches erkennbar ist. Intuition lässt sich in Form von Bauchgefühl, Erkennung und Einsicht begreifen. So sind Menschen in der Lage, verborgene Muster zu erkennen und darauf aufbauend passende Aus- und Vorhersagen zu treffen, egal ob sie die Muster kannten oder nicht. Ein Sachverstehen lässt sich über Umformulierung oder Rückfragen verifizieren. Erst wenn der Sachinhalt ausreichend verstanden wurde, kann es zu einem Verständnis führen.

Verständnis:

Als weitere Merkmale, die zu einem Verständnis führen, finden sich die beiden blauen Begriffe „Erklärung“ und „Gefühl“. Jemand kann sich etwas über den Sachinhalt hinaus erklären. Zum Beispiel, warum Herr M. wieder einmal zu spät gekommen ist oder wieso Frau R. die neue Rezeptur einer Chemikalie erst so spät erläutert hat. Ein weiterer Punkt ist das Einfühlen. Wenn wir uns beispielsweise eine Schilderung über eine Situation anhören, die wir vielleicht selbst kennen oder wenn uns eine Motivation eines Menschen erklären können. Es ist sogar möglich, mit einem anderen „mit“ zu fühlen – also weitergehend, als nur die Wahrnehmungsposition des Gesprächspartners einzunehmen. Hieraus entwickelt sich unser Verständnis, beispielsweise für eine Situation oder Handlung von anderen. Die Akzeptanz von Kultur und Lebensart der jeweils anderen Menschen ist hierfür notwendig. So lassen sich auch die Motivationslagen nachvollziehen, auch wenn man mit den Dingen an sich nicht einverstanden wäre. Verständnis zu haben, ist die Basis eines Vertrauensraumes. Unerheblich eines Einverständnisses. Erst wenn es Verständnis gibt, kann es zu einem inneren Einverständnis führen.

Inneres Einverständnis:

Merkmale, die zu einem inneren Einverständnis führen können, sind in diesem Bild orange hinterlegt. Wenn sich das Verständnis in die eigene Wirklichkeit einfügt, vermischt oder dieser nahe kommt und sich zum Beispiel für den Zuhörer ein Sinn ergibt, so ist ein inneres Einverständnis möglich. Selbstverständlich sind Menschen auch in Ihren Rollen oder in Ihrem Verhalten oftmals einverstanden mit Dingen, auch wenn sie sich selbst eher nicht beteiligen oder eine Situation anders handhaben würden. Das ist zum Beispiel in der Rolle als Vorgesetzter hier und da üblich oder auch bei „gewährendem“ Verhalten anderen Menschen gegenüber. Allerdings sind dies bewusste Einverständnisse. Das innere Einverständnis ist wie eine gleiche Schwingung. Mit dem Gesprächspartner zum Beispiel auf einer Wellenlänge zu liegen oder das berühmte Kommunizieren ohne Worte. Im Gegenteil zum Verständnis, welches die Akzeptanz einer Kultur und Lebensform voraussetzt, sind kulturelle Einflüsse nicht nur akzeptiert, sondern in Teilen oder gänzlich verinnerlicht.

Fazit:

Der Beitrag zeigte auf, wie viele Bedingungen gegeben sein müssen, um zu verstehen oder Verständnis zu haben. Wir können mit diesen Mustermerkmalen des Verstehens aber auch beispielsweise Lehrmethoden auf einen Verständlichkeitsgrad überprüfen. Andererseits zeigen uns die Stufen auch, warum an vielen Stellen kein Verständnis entsteht. Wer eine Sprache nicht spricht, kann nicht dekodieren und selbst wenn die Sprache gesprochen wird, kann es sein, dass ein Sachinhalt nicht verstanden wird. Deswegen sollte es der Sache dienen, wenn zum Beispiel Informationen über Ausbildung, Studium und Beruf auch in anderen Sprachen als Deutsch zur Verfügung stehen.

Noch schwerer wird es, wenn Verständnis aufgebracht werden soll (oder verlangt wird), aber wesentliche Umfeld Informationen, wie beispielsweise diejenigen über die gültigen Konventionen (in der Gesellschaft gedanklich verankerte Werte, Dinge und Verhalten) zwar vorangenommen werden, aber schlicht fehlen. Im Weiteren dürfen wir uns auch Fragen, ob wir wirklich Verständnis für die Kinder und Jugendlichen aufbringen. Dies kann sich nun jeder selbst einmal beantworten.

Ach ja. Es ging noch um den Sinn des Bildes am Anfang des Beitrags. Der Sinn für das Bild war, dass Sie das geschriebene Wort mit einem visuellen Objekt besser in Verbindung bringen können, um den Inhalt dieses Beitrags zu erfassen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie den Beitrag verstanden haben 😊.

Hinweis:

Die Mustermerkmale haben nicht den Anspruch einer umfassenden Auflistung. Sie sind aber gültig für das Arbeitsmodell des Emotional Risk Mapping (ERM)®. Sie geben auch einen guten Überblick und erlauben adäquate Schlussfolgerungen in Situationen oder Gesprächen. Denn manchmal ist es nicht so einfach, wie es aussieht.

Quellen:

Nach: Joachim Bauer, Psychoneuroimmunologe; Kurt Langbein, Wie wirklich ist die Wirklichkeit (Film); Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit; Wilhelm Dilthey, Hermeneutik (Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens); Thomas Gehlert, System-Aufstellungen und ihre naturwissenschaftliche Begründung; Woolley, Amanda; Kostopoulou, Olga (2013): „Clinical Intuition in Family Medicine: More Than First Impressions“; Mariana Calábria Lopes – Wirksamkeit von impliziten und expliziten Lernprozessen; Lukas Mairhofer, Moleküle aus lebenden Zellen in Wellen auf und zeigt, dass sie gleichzeitig an zwei Orten sein und die  selben Eigenschaften annehmen können; Laurie McCubbin, Resilienzstudie, Hawaii; Schulz von Thun; Fritjof Haft, Katharina von Schlieffen – Handbuch Mediation; Adrian Schweizer; Leo Montada; Joseph Duss- von Werdt – Einführung in die Mediation; Arthur Trossen  Integrierte Mediation, Cleermanns – ungewolltes impliziertes Lernen.

©2020 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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