Vom Verstehen – Was ist Verstehen und was ist Verständnis?

Vom Verstehen – Was ist Verstehen und was ist Verständnis? <br><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/praxis_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2014/08/meinung_120.png"/><img class="text-align: justify" src="https://bildungswissenschaftler.de/wp-content/uploads/2013/07/theorie_120.png"/>

Verstehen ist alles andere als marginal. Es gibt einige Theorien und Modelle bekannter Wissenschaftler, auf die wir nach der Beschreibung des „Vier-Stufen-Modell des Verstehens“ hinweisen. Ziel dieses einfachen Modells soll es sein, Menschen, auch ohne Kenntnis der Zusammenhänge von Kommunikation und Kommunikationstechnik, möglichst einfach verständlich zu machen, dass sich Kommunikation aus verschiedensten Aspekten zusammensetzt. Hierbei geht es nicht darum, tiefgreifende theoretische Konzepte zu vermitteln, sondern vielmehr soll es ein Hilfsmittel sein, sich in bestimmten Situationen bewusst zu werden, dass Verstehen, Verständnis und inneres Einverständnis mehr ist als nur Äußerungen oder eine Erwartung von Personen.

Zudem ist es ein vierstufiges Muster, welches regelbasiert an der Realität abgeglichen werden kann. Eine Stufe folgt der anderen und Stufen können nicht übersprungen werden. Es lässt sich daher leicht erkennen, welche Mustermerkmale fehlen, um eine entsprechende Stufe zu erreichen. Mit diesem Wissen lassen sich Kommunikationen oder Situationen mit dem Ziel eines Verstehens bewusst komplettieren. Im Folgenden werden die Haupt- und Inhaltsmerkmale begrifflich definiert und im Anschluss grafisch dargestellt.
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Begriffsdefinitionen für das „Muster des Verstehens“:

Verstehen (Erfassen):

Hier geht es um das Erfassen einer Kommunikation oder Situ-ation mit Blick darauf, ob ein Mensch in einer Situation über-haupt etwas erfassen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob Übertragungswege digital oder analog sind.

• Aufnahmekanäle…
…sind die fünf menschlichen Primärsinne, die unsere Schnittstelle in die Außenwelt darstellen. Darunter fal-len neben dem Tasten das Schmecken, Riechen, Sehen und das Hören.

• Wahrnehmung…
…ist ein Prozess, bei dem der Mensch Reize aus der Umwelt über seine Sinne aufnehmen kann.

• Kognition…
…bezeichnet Verarbeitungsprozesse im Gehirn, durch die der Mensch Informationen aufnimmt, verarbeitet, speichert und anwendet. Hier geht es um den Verar-beitungsprozess, der Umweltreize interpretiert und ihnen Bedeutung verleiht.

Verstehen (Sachinhalt):

Beim Verstehen mit Blick auf den Sachinhalt geht es darum, dass nachdem der Rahmen für ein Erfassen gegeben wurde, Sachinformationen aufgenommen werden können.

• Sachverhalt…
…ist ein Zusammenhang von Umständen, der objektiv festgestellt oder beurteilt werden kann.

• Kontext…
…ist der Zusammenhang oder Rahmen, in dem ein Ereignis, eine Handlung oder eine Aussage steht und durch den ihre Bedeutung verständlich wird.

• Zeit / Raum…
…ist der situative Rahmen, der bestimmt, wann, wo und unter welchen Bedingungen ein Austausch zwischen Menschen stattfindet.

• Intuition…
…sind vergangene Muster, die unmittelbar und ohne bewusste rationale Überlegung entstanden sind. Es sind Muster, von denen Menschen nicht wissen, dass sie vorhanden sind und daher nicht bewusst genutzt werden können.

Verständnis:

Mit Verständnis ist in diesem Muster gemeint, dass Menschen einen Zusammenhang nachvollziehen und sich erklären kön-nen. Das ist explizit kein Einverständnis.

• Erklärung…
…ist die Darstellung von Ursachen, Gründen oder Zusammenhängen, die einem Menschen etwas verständlich machen oder es begründen.

• Gefühl…
…ist eine subjektive, innere Reaktion auf Erlebnisse, Gedanken oder Sinneseindrücke, die sich in Empfindungen äußern.

Inneres Einverständnis:

Bei dem Begriff des inneren Einverständnisses geht es darum, dass einem Menschen, über ein Verständnis hinaus, ein Einverständnis erzeugt und sich ein Sinn für die Person ergeben kann.

• Eigene Wirklichkeit…
…ist die subjektive Konstruktion der Welt, die jeder Mensch durch seine Wahrnehmung, Erfahrungen und Kommunikation erschafft.

• Sinn…
…ist die Bedeutung oder der Zusammenhang, den Menschen ihrem Handeln, Erleben oder einer Situation zuschreiben.
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Die Begriffe von Verstehen, Verständnis und Inneres Einverständnis bauen aufeinander auf – sie folgen aufeinander. Das folgende Schaubild zeigt die Mustermerkmale des Verstehens.

Verstehen (Erfassen):

Die grünen Begriffe bezeichnen grundsätzliche Verstehens Merkmale. Ein Mensch ist in der Lage, beispielsweise ein Wort als Wort wahrzunehmen. Folgend wird die Wahrnehmung interpretiert. Zwischen Wahrnehmung und Interpretation kommt Gefühl ins Spiel, welches über weiteres entscheidet. Erst dann wird dekodiert. Jemand sagt zu einem anderen: „Ich gehe nach Hause“. Das gesprochene Wort wird über einen Kanal (hier das Ohr) wahrgenommen, im Gehirn verarbeitet und als Wort (Muster) erkannt – sofern das Muster vorhanden ist und jenseits eines inhaltlichen Verständnisses (Wer der genutzten Sprache nicht mächtig ist, kann das also nicht). Wer die Sprache spricht, versteht jedoch die einzelnen Worte: -Ich-gehe-nach-Hause-. Wird das Wort aufgeschrieben, aber der angeschriebene kann nicht lesen, so können die Worte ebenfalls nicht verstanden werden. Das hört sich logisch und simpel an – später im Beitrag kommen wir noch einmal an diesen Punkt. Erst wenn die einzelnen Worte verstanden werden, kann das Sachverständnis entstehen.

Verstehen (Sachverständnis):

Das Sachverständnis setzt ebenfalls Merkmale voraus – hier sind es die gelben Begriffe. Ein Sachverhalt ist notwendig, um zu verstehen, aber auch ein Kontext. Dabei geht es nicht nur in einem inhaltlichen Kontext, sondern auch um den, in den der Sachinhalt eingebettet ist. Also zum Beispiel warum ein bestimmter Sachverhalt in der Organisation bearbeitet wird. Im Weiteren benötigen wir die Zeit und den Raum, den Sachinhalt zu erfassen. Hektik und die Erläuterung zwischen Tür und Angel wäre hier zu vermeiden. Bleibt noch die Intuition. Sie bildet einen Beitrag zum Verstehen, der üblicherweise nicht als solches erkennbar ist. Intuition lässt sich in Form von Bauchgefühl, Erkennung und Einsicht begreifen. So sind Menschen in der Lage, verborgene Muster zu erkennen und darauf aufbauend passende Aus- und Vorhersagen zu treffen, egal ob sie die Muster kannten oder nicht. Ein Sachverstehen lässt sich über Umformulierung oder Rückfragen verifizieren. Erst wenn der Sachinhalt ausreichend verstanden wurde, kann es zu einem Verständnis führen.

Verständnis:

Als weitere Merkmale, die zu einem Verständnis führen, finden sich die beiden blauen Begriffe „Erklärung“ und „Gefühl“. Jemand kann sich etwas über den Sachinhalt hinaus erklären. Zum Beispiel, warum Herr M. wieder einmal zu spät gekommen ist oder wieso Frau R. die neue Rezeptur einer Chemikalie erst so spät erläutert hat. Ein weiterer Punkt ist das Einfühlen. Wenn wir uns beispielsweise eine Schilderung über eine Situation anhören, die wir vielleicht selbst kennen oder wenn uns eine Motivation eines Menschen erklären können. Es ist sogar möglich, mit einem anderen „mit“ zu fühlen – also weitergehend, als nur die Wahrnehmungsposition des Gesprächspartners einzunehmen. Hieraus entwickelt sich unser Verständnis, beispielsweise für eine Situation oder Handlung von anderen. Die Akzeptanz von Kultur und Lebensart der jeweils anderen Menschen ist hierfür notwendig. So lassen sich auch die Motivationslagen nachvollziehen, auch wenn man mit den Dingen an sich nicht einverstanden wäre. Verständnis zu haben, ist die Basis eines Vertrauensraumes. Unerheblich eines Einverständnisses. Erst wenn es Verständnis gibt, kann es zu einem inneren Einverständnis führen.

Inneres Einverständnis:

Merkmale, die zu einem inneren Einverständnis führen können, sind in diesem Bild orange hinterlegt. Wenn sich das Verständnis in die eigene Wirklichkeit einfügt, vermischt oder dieser nahe kommt und sich zum Beispiel für den Zuhörer ein Sinn ergibt, so ist ein inneres Einverständnis möglich. Selbstverständlich sind Menschen auch in Ihren Rollen oder in Ihrem Verhalten oftmals einverstanden mit Dingen, auch wenn sie sich selbst eher nicht beteiligen oder eine Situation anders handhaben würden. Das ist zum Beispiel in der Rolle als Vorgesetzter hier und da üblich oder auch bei „gewährendem“ Verhalten anderen Menschen gegenüber. Allerdings sind dies bewusste Einverständnisse. Das innere Einverständnis ist wie eine gleiche Schwingung. Mit dem Gesprächspartner zum Beispiel auf einer Wellenlänge zu liegen oder das berühmte Kommunizieren ohne Worte. Im Gegenteil zum Verständnis, welches die Akzeptanz einer Kultur und Lebensform voraussetzt, sind kulturelle Einflüsse nicht nur akzeptiert, sondern in Teilen oder gänzlich verinnerlicht.

Fazit:

Der Beitrag zeigte auf, wie viele Bedingungen gegeben sein müssen, um zu verstehen oder Verständnis zu haben. Wir können mit diesen Mustermerkmalen des Verstehens aber auch beispielsweise Lehrmethoden auf einen Verständlichkeitsgrad überprüfen. Andererseits zeigen uns die Stufen auch, warum an vielen Stellen kein Verständnis entsteht. Wer eine Sprache nicht spricht, kann nicht dekodieren und selbst wenn die Sprache gesprochen wird, kann es sein, dass ein Sachinhalt nicht verstanden wird. Deswegen sollte es der Sache dienen, wenn zum Beispiel Informationen über Ausbildung, Studium und Beruf auch in anderen Sprachen als Deutsch zur Verfügung stehen.

Noch schwerer wird es, wenn Verständnis aufgebracht werden soll (oder verlangt wird), aber wesentliche Umfeld Informationen, wie beispielsweise diejenigen über die gültigen Konventionen (in der Gesellschaft gedanklich verankerte Werte, Dinge und Verhalten) zwar vorangenommen werden, aber schlicht fehlen. Im Weiteren dürfen wir uns auch Fragen, ob wir wirklich Verständnis für die Kinder und Jugendlichen aufbringen. Dies kann sich nun jeder selbst einmal beantworten.
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Hier finden Sie nun die angekündigten Hinweise zu den bekanntesten Vertretern von Erklärungen zum „Verstehen“:

Max Weber (1864–1920) – Soziologie des Verstehens
Zentrale Idee: „Verstehende Soziologie“. Sie soll das soziale Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären.
Bedeutung: Weber führte das „deutende Verstehen“ als methodischen Kern der Soziologie ein: Soziales Handeln kann nur verstanden werden, wenn man die Sinnzusammenhänge erkennt, die die Handelnden selbst ihrem Tun beimessen.
Begriff: „Verstehen“ bezeichnet Weber als empathisches, sinn-rekonstruktives Erfassen von Handlungsgründen.

Wilhelm Dilthey (1833–1911) – Hermeneutik und Geisteswissenschaften
Zentrale Idee: Natur erklären und den Geist verstehen. Zitat: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“
Bedeutung: Dilthey begründete die methodologische Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.
Verstehen heißt bei ihm, dass über das Nachvollziehen innerer Erlebnisse Sinnzusammenhänge in Geschichte, Kultur und Psychologie erfasst werden können.

Hans-Georg Gadamer (1900–2002) – Philosophische Hermeneutik
Sein Hauptwerk heißt „Wahrheit und Methode“ (1960)
Zentrale Idee: Verstehen ist kein methodischer Akt, sondern ein dialogischer Prozess, in dem sich Horizonte von Verstehendem und Text (oder anderem Gegenüber) verschmelzen. Er bezeichnet dies als Horizontverschmelzung.
Bedeutung: Gadamer betont, dass jedes Verstehen geschichtlich vermittelt wurde und Menschen stets aus unserem Vorverständnis heraus verstehen.

Jürgen Habermas (geb. 1929) – Theorie des kommunikativen Handelns
Zentrale Idee: Verstehen entsteht durch kommunikatives Handeln, also durch rationalen Diskurs. Die Akteure verständigen sich über Geltungsansprüche.
Bedeutung: Habermas verschiebt den Fokus vom individuellen Verstehen (wie bei Weber/Dilthey) hin zu interaktionalen Prozessen der Verständigung in Sprache und Gesellschaft.

Edmund Husserl (1859–1938) & Alfred Schütz (1899–1959) Phänomenologie des Verstehens
Husserl beschreibt Verstehen als intentionales Bewusstseinserlebnis, aus denen sich Bedeutungen in der Erfahrung konstituieren.
Schütz übertrug dies auf die Soziologie. Die „Verstehende Soziologie“ wird durch die Analyse des Alltagswissens und der Lebenswelt empirisch fundiert.
Menschen handeln, weil sie typische Sinnschemata teilen.

Paul Ricoeur (1913–2005) – Hermeneutik des Textes und der Handlung
Zentrale Idee: Verstehen heißt nach Ricoeur Interpretieren. Hierbei können Texte, Handlungen und Selbstverhältnisse durch narrative und symbolische Strukturen vermittelt werden.
Begriff: „Das Selbst verstehen heißt, sich als Erzähler der eigenen Geschichte zu verstehen.“

Psychologische Perspektiven
Carl Rogers (1902–1987): In der humanistischen Psychologie ist „empathisches Verstehen“ zentral. Damit meint er die Fähigkeit, die innere Welt eines anderen so zu erfassen, als wäre sie die eigene.
Jean Piaget und Lev Vygotskij: Verständnis als kognitive und soziale Konstruktion. Sie sagen, Lernen und Verstehen entstehen im sozialen Austausch und durch die Entwicklung von Denkstrukturen.
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Quellen:

Nach: Joachim Bauer, Psychoneuroimmunologe; Kurt Langbein, Wie wirklich ist die Wirklichkeit (Film); Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit; Wilhelm Dilthey, Hermeneutik (Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens); Thomas Gehlert, System-Aufstellungen und ihre naturwissenschaftliche Begründung; Woolley, Amanda; Kostopoulou, Olga (2013): „Clinical Intuition in Family Medicine: More Than First Impressions“; Mariana Calábria Lopes – Wirksamkeit von impliziten und expliziten Lernprozessen; Lukas Mairhofer, Moleküle aus lebenden Zellen in Wellen auf und zeigt, dass sie gleichzeitig an zwei Orten sein und die  selben Eigenschaften annehmen können; Laurie McCubbin, Resilienzstudie, Hawaii; Schulz von Thun; Fritjof Haft, Katharina von Schlieffen – Handbuch Mediation; Adrian Schweizer; Leo Montada; Joseph Duss- von Werdt – Einführung in die Mediation; Arthur Trossen  Integrierte Mediation, Cleermanns – ungewolltes impliziertes Lernen.

©2020 – 2025 Achim Gilfert. Dieser Beitrag ist zur Weiterverbreitung nach den in diesem Blog veröffentlichten Regeln zum Urheberrecht veröffentlicht. Diese Regeln finden Sie hier: Urheberrechtshinweise.

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